Am 14.12.2017 traf sich die Literarische Gesellschaft Bochum zum wiederholten Male in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses. Unter dem Label „Literarisches Quartett“ trat hier eine Jury an, die – in Anlehnung an die gleichnamige Fernsehsendung – beinahe bedrohlich über den neusten Veröffentlichungen der Literaturwelt zu wachen schien. Doch im Bochumer Theater gab es keine Imitation der berühmten TV-Konstellation, die für kontroverse Schlagabtäusche, Diskussionen und die sensationellen Monologe von Marcel Reich-Ranicki bekannt war. Statt Verrissen wurden Empfehlungen ausgesprochen – fast ausnahmslos.
Von der legendären Besetzung des Original-Quartetts sind zwei Mitglieder bereits verstorben, Sigrid Löffler hingegen konnte man sogar für die kleinere Bochumer Variante gewinnen. Sie bildete zusammen mit der Germanistik-Studentin Friederike Wießner und den Professoren Manfred Schneider und Ralph Köhnen vom Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum das neue, deutlich homogenere Gespann, das sich meistens einig war („Das lassen wir dann mal so stehen!“).
Der Roman als Spiegel unserer Zeit
Von den Kritikern wurden vier belletristische Neuerscheinungen besprochen und auf ihre literarische Tauglichkeit hin analysiert. Begleitend wurde zu Beginn eines jeden Buches ein Abschnitt von der Schauspielerin Kinga Vontobel vorgelesen, die mit ihrer wunderbaren Stimme ein Live-Hörbuch Erlebnis kreierte.
Eingeleitet wurde die Runde mit Daniel Kehlmanns neustem Roman „Tyll“. Der von Frau Löffler als „überbegabter Alleskönner“ gelobte Autor versetzt darin die Figur des Till Eulenspiegel in die Barockzeit des Dreißigjährigen Krieges. Löffler bezeichnete dieses Werk als Kehlmanns bis dato bestes Buch.
Aus dem Mitteleuropa des 17. Jahrhunderts machte das Quartett dann einen großen Sprung ins heutige New York. Salman Rushdie – von der Queen zum Ritter geschlagen, im Iran zum Tode verurteilt – setzt sich in „Golden House“ mit kriminellen Superreichen, der Filmindustrie und der Präsidentschaft von Barack Obama bis Donald Trump auseinander. Besonders Herr Köhnen lobte die hervorragenden Dialoge. Löffler hingegen bezeichnete das Buch als Kolportage aufgrund intertextueller Anspielungen und formeller Spielereien, mit denen Rushdie schnell auf eine narzisstische Meta-Ebene abgleite.
Das nächste Thema: Flüchtlingskrise. In Mohsin Hamids „Exit West“ flieht das Paar Saeed und Nadia aus einem unbenannten Kriegsgebiet durch magische Türen, damit man die grausame Flucht leichter ertragen kann. Wenigstens in der Fiktion.
Bei „Und es schmilzt“ der belgischen Autorin Lize Spit waren sich alle einig. Der wohl pessimistischste und schmerzvollste Roman, mit langer Nachwirkung. Psychische Gewalt und sexueller Missbrauch im Gewand eines coming-of-age-Romans erfordert auf Leserseite starke Nerven. Friederike Wießner war sichtlich emotionalisiert. Sie habe an dem Buch nichts zu kritisieren, höchstens die Gesellschaft, die einen solchen Roman notwendig gemacht hat.
Wann ist ein Buch zu dick?
Bücher sind dick und kosten Zeit. Hat man diese Zeit überhaupt noch? Möchte man denn seine Zeit in einen 500-Seiten Wälzer investieren? Manfred Schneider berichtete von seiner Empörung, die er als junger Student empfand, als sein Dozent ungeniert gestand, einfach jedes zweite Buch von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu überspringen. Die Zeit sei einfach zu knapp. Diese Ausrede soll nicht gelten, wenn es sich um guten, anspruchsvollen Lesestoff handelt. Und auch wenn alle vier Romane eine beachtliche Länge hatten, klingen diese insgesamt 2000 Seiten ganz und gar nicht nach Zeitverschwendung.
Die Veranstaltung bot spannende zwei Stunden mit guten Empfehlungen und der angemessenen Wertschätzung für wichtige literarische Werke, die den Zeitgeist treffen und aktuelle Themen behandeln. Und ein bisschen fühlte sich dieser Abend im Schauspielhaus auch nach Theater an, denn eine klare Rollenverteilung war durchaus zu erkennen, wenn die erfahrene, eloquente Sigrid Löffler den Gegenpol zur jungen, etwas überemotionalen Friederike Wießner bildete und Ralph Köhnen die Runde mit einem geistreichen Witz auflockerte, während Manfred Schneider als ruhige Instanz schon schwieriger einzuordnen war.
So stellt man sich das Literarische Quartett vor. Wenn beim nächsten Mal noch ein kleiner Zoff hier und da hinzukommt – natürlich nur zur Unterhaltung – ist die Sache endgültig rund bzw. quadratisch.
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