Ein prominentes und besonders seltenes Ereignis stand am 15.3. im Schauspielhaus Bochum an: So wurde der nach dem Autoren, Künstler und Filmemacher Peter Weiss (1916-1982) benannte, mit 15.000 Euro dotierte Kulturpreis der Stadt zum vierten Mal seit 1990 in der Sparte Literatur vergeben. Geehrt wurde der in Berlin lebende Schriftsteller Ulrich Peltzer, dessen richtungsweisender Gegenwartsroman „Das bessere Leben“ (2015) es jüngst auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Zum einen nimmt der 1956 in Krefeld geborene Autor Epizentren der wirtschaftlichen Globalisierung wie die Megacity São Paulo in den narrativen Blick, zum anderen die Brutalität staatlicher Gewalt beim Massaker an der Kent-State-University Ohio, wo gegen den Vietnamkrieg demonstrierende Studenten 1970 durch Nationalgardisten erschossen wurden. Der für seine humanistisch engagierte Literatur ausgezeichnete Romancier lehnt sich in seinem Werk an den Geist der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss an – „einer der Größten, die uns je etwas sichtbar gemacht haben“, bekannte Peltzer am Ende der Preisverleihung im vollbesetzten oberen Schauspielhaus-Foyer.
1992 war der Peter-Weiss-Preis erstmals in der Literatur-Sparte vergeben worden – an Elfriede Jelinek, die zwölf Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden sollte. „In Bochum werden Trends gesetzt“, bekannte der amtierende sozialdemokratische Oberbürgermeister Thomas Eiskirch augenzwinkernd zum Auftakt der Preisverleihung. Aktuell wurden die Weichen hierzu bereits am 8. Dezember 2015 gestellt: „Der Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum wird dem Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer für sein Gesamtwerk zuerkannt, in dem er Literatur als Erkenntnismittel, als Forschungs- und Aufklärungsinstrument zur Durchdringung der komplexen zeitgenössischen Wirklichkeit einsetzt“, heißt es in der Begründung der Jury-Entscheidung. Ulrich Peltzer habe sich einen „literarischen Rang als Experte für politische Zeitdiagnostik erschrieben“.
„Als Metropolen-Erzähler hat Peltzer vor allem das Thema Urbanität mit ihren vielfältigen neuen ästhetischen Herausforderungen zu seinem literarischen Spielfeld gemacht und nutzt es als Impuls für die Entwicklung und Verfeinerung seiner eigentümlichen und originellen narrativen Techniken“, so die Jury. Um Phänomene wie „Ruhelosigkeit“ und „Anonymität“ sowie „Entfremdung und Reizüberflutung“ des gegenwärtigen Metropolenlebens zu illustrieren, bediene sich Peltzer zuweilen „bewusst unstimmiger Erzählformen“. Der promovierte Literaturwissenschaftler, Autor und Kritiker Helmut Böttiger zog in seiner Laudatio im Schauspielhaus Paralallen zum narrativen Duktus eines Franz Kafka – wie dieser fange Ulrich Peltzer „nie am Anfang an, sondern beginnt mittendrin“. Letzteres belegte auch Peltzers Live-Lesung aus seinem Globalisierungsthriller „Das bessere Leben“, die das Publikum unmittelbar in ihren Bann zog und nicht mehr losließ, bis schließlich Guitarrenmusik von Vincente Mozos Del Campo den Abend abrundete.
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