Früher war die Welt noch in Ordnung. Der Mensch brauchte nicht viel. Als Behausung diente ihm eine Höhle, ein Feuer spendete ihm Wärme. My cave is my castle. Der Mensch nahm sich, was ihm zustand. Kein Mensch brauchte elektrische Rollläden. Man wohnte gratis, den Umständen entsprechend behaglich und im Einklang mit der Natur. Vor etwa 9.000 Jahren dann entdeckte der Mensch Lehm als Baustoff. Für Gebäude, Tempel, Mauern. Die Verarbeitung von Lehm geht energiearm vonstatten, Lehm konserviert Stroh und Holz, ist antibakteriell, schadstofffrei und bindet Schadstoffe, Lehm reguliert die Luftfeuchtigkeit und speichert Wärme, ist recycelbar und schwer entflammbar. Die Zivilisation baute ihr Fundament auf Lehmstein.
Heute gießt sich der zivilisierte Mensch seine Prunk- und Rückzugsräume in Beton, er lebt gern allein in einer Wohnung oder zu zweit in einem ganzen Haus und verantwortet mit seiner Baukultur ein Drittel der CO2-Emissionen. Nur: Wenn die Menschheit nicht bloß prima leben, sondern auch überleben will, dann muss sie umdenken. In ihrer Ernährung, in ihrer Fortbewegung und: in ihrer Wohnkultur. Umzudenken aber, das fällt den Menschen schwer – siehe Ernährung, siehe Fortbewegung. Weil, wer umdenken will, auch handeln muss. Verdammt! Doch Handeln ist gefragt: Wohnraum gehört neu gedacht, und zwar hurtig! Das Klima fliegt uns um die Ohren, klassische Bausubstanzen gehen zur Neige.
Wohnraum neu gedacht!
Ökologisierung in der Baubranche? Ein befreundeter Hochbautechniker weiß um die Notwendigkeit ebenso wie um die Herausforderungen: Problem Nummer 1: Fehlender Weitblick. Die Baubranche tickt wie du und ich: Wir suchen die Lösung erst, wenn das Problem längst da ist. Handeln mit Weitblick wäre indes zuvorderst Job der Politik, stattdessen reicht der Horizont dort nur bis zum Klientel. Problem Nummer 2: Risiko. Der Baubranche fehlt die finanzielle und konzeptionelle Rückendeckung zum Umdenken. Kriegerische Egos und Pandemie setzen dem Baugewerbe bereits ordentlich zu: instabile Lieferketten, steigende Energiepreise, Auftragsstornierungen. Problem Nummer 3: Starre deutsche Regularien. Neue Konzepte erfordern neue DIN-Normen. Das ist gut und wichtig. Zugleich zwängt das Gebäudeenergiegesetz die Branche in ein enges Korsett, das für neue Ansätze und Rohstoffe erst mühsam erschlossen werden muss. Dazu kommt: Wer heute einen Bauantrag stellt, bekommt ihn nach der Bauphase evtl. nicht mehr abgenommen, weil sich inzwischen Gebäudegesetzt und Brandschutznorm geändert haben. Siehe BER.
Bau mag Langlebigkeit
Umdenken ist gefragt. Sobald die Politik also die Weichen realistischer gestellt hat: Was ist möglich im Hinblick auf die Bausubstanz? Statt Stahlträgern sind Bauteile aus Holz vorstellbar. Neben der Rückkehr zum Lehm hat auch das Recyceln von Beton einen großen Reiz. Hier werden bereits Normen formuliert. Und das Fraunhofer Institut erforscht gerade, wie man eine ganz bestimmte chemische Verbindung künftig so vielseitig verwenden könnte wie heute Rohöl: CO2. Eingebunden in eine CO2-Kreislaufwirtschaft, ließe sich der gewonnene Rohstoff als Inhaltsstoff für langlebige Produkte nutzen. Und der Bau mag bekanntlich Langlebigkeit.
Auch wenn der Durchbruch noch auf sich warten lässt, weil man ihn eben nicht auf den letzten Drücker durchprügeln kann: In Zeiten von CO2-Steuer und Sandknappheit sind alternative Bausubstanzen für die Branche nicht nur interessant, sondern essenziell. Ideen sind bereits da. Jetzt geht es um die rasche, sichere, politisch klug und nachhaltig geförderte Umsetzung. Hahaha.
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