Heiraten ist wieder total in. Der Heiratseifer ist auch nicht durch die Tatsache zu bremsen, dass in den großen Städten jede zweite Ehe geschieden wird. Im Gegenteil, da ist die Chance ja größer, dass ich mir dieses erfreuliche Event mehrmals gönnen kann. Denn ein EVENT ist heiraten heutzutage. Das geht ja schon los mit den aufwändig inszenierten Heiratsanträgen, gerne zu den Klängen von Bruno Mars’ „Marry you“. Die Anträge werden teilweise über ellenlange Zeitspannen geplant, gründlich unter Einbindung sämtlicher Freunde, Verwandter und Bekannter inszeniert, um dann schleunigst bei Youtube eingestellt zu werden. Je mehr Klicks, desto schöner wird die Ehe! Diese öffentlich zur Schau gestellten Anträge sind längst peinlicher Alltag geworden. Neulich hörte ich beim Hereinkommen in ein Ikea-Möbelhaus die Durchsage: Die Monika möchte bitte ganz dringend den Jens aus dem Spielparadies abholen. Zufällig fiel mein Blick auf dieses lustige Bälletohuwabohu und ich blieb wie erstarrt stehen: Mitten in den bunten Bällen saß ein erwachsener Mann, nur mit einer Riesenwindel bekleidet, einen Schnuller im Mund, und hatte ein Schild um den Hals: „Geliebte Moni! Wenn du willst, dass deine zukünftigen Kinder ungefähr so aussehen, dann antworte mit: JA!“ Wäre ich die Moni, ich hätte die Beine in die Hand genommen und wäre um mein Leben gerannt! Neidische Ziege, werden einige sagen. Du bist doch nur so angesäuert, weil sich für dich noch kein Mann so zum Affen gemacht hat. Tja, wer weiß. Ich hab’s eigentlich nicht so mit Affen.
In der Fußgängerzone Präservative aufblasen
Noch unangenehmer sind mir ja diese Junggesellinnen- und Junggesellenabschiede. Da wird man in der Fußgängerzone von einer Horde eigenwillig gestylter Phantasiebräute überfallen und von ihnen genötigt, vor den Augen einer Handykamera so lange ein Präservativ aufzupusten, bis es platzt. Dann muss man in die Kamera sagen: „Liebe Nathalie, ich wünsche dir eine glückliche, fruchtbare Ehe.“ Auch wenn ich Nathalie nicht kenne, bin ich mir nicht sicher, ob ich Nathalie das wirklich wünschen soll. Bei dem Freundeskreis. Da ist es doch vielleicht besser, Nathalie behält ihr Genmaterial für sich. Und dann die Hochzeiten heutzutage: unter Tage, über den Wolken, zu Lande und zu Wasser … in Weiß, in Gelb, in Rosé … Ein guter Freund hat mir vor Jahren mal gesagt, das Wort „Ehe“ sei eine Abkürzung für den lateinischen Ausspruch: Errare humanum est! Irren ist ja bekanntlich menschlich und kann sehr lustig sein. Wenn wir alle unsere Trennungen ähnlich opulent feiern würden. Im Brautkleid mit der Aufschrift: „Return to sender“. Und der Mann verkleidet als Flipperkugel mit einem Tattoo: „Next shoot, try it again!“ Wie lustig könnten solche Partys sein. Ich würde gerne mit euch weiter über solche Ideen spinnen, aber da tut sich gerade was vor meiner Haustür im Hausflur. Mein Liebster war in den letzten Tagen so aufgeregt. Ich glaube, der führt was im Schilde. Da! Die ersten Takte von Bruno Mars, ganz laut im Flur. Äh, ich glaube, ich sage: „Ja!“
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Keiner traut sich?
Auf die Krise der Institution Ehe gibt es unterschiedliche Antworten – THEMA 01/13 EHE-LOS
Keine Exoten mehr
Ein Bochumer Ehepaar über die interkulturellen Tücken zwischen Orient und Okzident – Thema 01/13 Ehe-Los
„Nicht zwingend ein Trauschein nötig“
Katja Dörner über die Familienpolitik der Grünen – Thema 01/13 Ehe-Los
„Die Ehe ist für uns weiterhin Leitbild“
Ingrid Fischbach über die familienrechtlichen Entwürfe der Union – Thema 01/13 Ehe-Los
Zum Wohl!
Intro – Rausch im Glück
Gute Zeiten für Verführer
Teil 1: Leitartikel – Das Spiel mit dem Glücksspiel
„Ich vermisse die Stimme der Betroffenen“
Teil 1: Interview – Psychologe Tobias Hayer über Glücksspielsucht
Suchthilfe aus der Ferne
Teil 1: Lokale Initiativen – Online-Projekt des Evangelischen Blauen Kreuzes in NRW hilft Abhängigen
Lebensqualität gegen Abwärtsspirale
Teil 2: Leitartikel – Drogensucht ist kein Einzelschicksal, sie hat gesellschaftliche Ursachen
„Wir haben das Recht auf Rausch“
Teil 2: Interview – Mediziner Gernot Rücker über die Legalisierung von Drogen
Zwischen Blüte und Bürokratie
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Cannabas-Club e.V. und der neue Umgang mit Cannabis
Konsum außer Kontrolle
Teil 3: Leitartikel – Was uns zum ständigen Kaufen treibt
„Dann übernimmt das Lusthirn“
Teil 3: Interview – Psychotherapeutin Nadine Farronato über Kaufsucht
Teufelskreis im virtuellen Warenkorb
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Caritas-Suchthilfe hilt auch bei Kaufsucht weiter
Ausgespielt!
Spielautomaten aus Kleinstädten verbannt – Europa-Vorbild: Rumänien
German Normalo
Zwischen Selbstoptimierung und Abhängigkeit – Glosse
Panzer vs. Schulen
Intro – Kriegszitterer
Gewalt mit System
Teil 1: Leitartikel – Patriarchale Strukturen ermöglichen sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel
„Eine totale Machtdemonstration“
Teil 1: Interview – Kindernothilfe-Mitarbeiter Frank Mischo zu sexualisierter Gewalt in Krisengebieten
Erinnern im ehemaligen Arbeitslager
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Initiative Gedenkort Bochum-Bergen
Ausgebeutet und gegeneinander aufgehetzt
Teil 2: Leitartikel – Wie der Westen Afrika in die Dauerkrise gestürzt hat
„Rassismus und Herablassung“
Teil 2: Interview – Historiker Andreas Eckert über die Folgen des europäischen Kolonialismus
Für ein Ende der Ignoranz
Teil 2: Lokale Initiativen – Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ im NS-Dok
Multipolare Wirklichkeit
Teil 3: Leitartikel – Der Abstieg des Westens und der Aufstieg des BRICS-Bündnisses
„Zunehmende Unglaubwürdigkeit des Westens“
Teil 3: Interview – Politologe Ulrich Brand über geopolitische Umwälzungen und internationale Politik