Für Cannabiskonsumenten waren die Zeiten in Deutschland wohl nie besser. Nach der Legalisierung von Besitz und Privatanbau stehen nun auch viele Cannabis Social Clubs in den Startlöchern. Dazu zählt auch der Cannabas-Club e.V. in Köln: „Wir haben die Lizenz bekommen und sind gerade dabei, das Sicherheitskonzept zu vervollständigen. Sobald ein Prüfer der Bezirksregierung alles absegnet, können wir mit dem Anbau beginnen“, erklärt Matthias Over, Ressortleiter für Finanzen und Organisation.
Seit April 2024 dürfen Erwachsene in Deutschland bis zu 25 Gramm Cannabis in der Öffentlichkeit und bis zu 50 Gramm in privaten Räumen besitzen. Zudem ist der private Eigenanbau von bis zu drei Cannabispflanzen erlaubt. Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) soll den Schwarzmarkt eindämmen, den Gesundheitsschutz sowie den Kinder- und Jugendschutz stärken. Für jene, die nicht selbst anbauen, erlauben die Clubs den Anbau und die Weitergabe von Cannabis zum Eigenkonsum.
Unverhältnismäßig?
In Köln wurden bereits 16 Cannabis Social Clubs genehmigt, 24 Anträge werden geprüft und zwei wurden wieder zurückgezogen, wie eine dpa-Umfrage bei den Bezirksregierungen ergab. Die Beantragung der Lizenzen gestaltet sich komplex, Anträge umfassen häufig weit über hundert Seiten und Bearbeitungszeiten können Monate betragen. „Aktuell erleben wir als Verein eine echte Durststrecke, weil wir sämtliche Kosten für unsere Anlage aus eigener Tasche vorfinanzieren müssen“, so Over. Zudem sei das Gesetz unverhältnismäßig restriktiv, verglichen mit der Regelung zu medizinischem Cannabis: „Aufgrund der strengen Auflagen kann schon ein kleiner Fehler zum Entzug der Zulassung führen. Während man über Online-Ärzte schnell ein Rezept für medizinisches Cannabis bekommt, das häufig nur von einfachen Plantagen aus Portugal stammt, werden wir durch strikte Auflagen behindert – da läuft doch etwas schief.“ Trotz dieser Hürden hat der Cannabas-Club die Anbaulizenz erhalten und arbeitet am Abschluss des Sicherheitskonzepts. Eine Halle mit einem innovativen Aquaponics-System stehe bereit – erste Pflanzen sollen idealerweise noch im März eingesetzt werden.
Auffällige Muster erkennen
Der Verein zählt derzeit rund 30 Mitglieder. „Viele möchten erst testen, was wir leisten, bevor sie größere Vorleistungen erbringen – Vertrauen muss aufgebaut werden“, erklärt Over und geht von einem Mitgliederzuwachs aus, sobald konkrete Ergebnisse vorliegen. Neben der Abgabe von Cannabis zählen zu den Aufgaben der Clubs auch Suchtprävention und Aufklärung. Suchtpräventionsbeauftragte, ausgebildet bei der Caritas, sowie eine App zur Überwachung des Konsumverhaltens ermöglichen es dem Cannabas-Club, frühzeitig bei auffälligen Mustern einzugreifen und den Austausch unter den Mitgliedern zu fördern. Zu hundert Prozent sicheren Konsum könne es trotzdem nicht geben. Dennoch sei es besser, aufzuklären und offen darüber zu reden, als den Konsum zu tabuisieren, erklärt Over.
Politisch ungewiss
Fraglich ist derzeit die politische Lage unter einer von der CDU geführten Bundesregierung. „Sollte die Regierung das Konsumcannabisgesetz rückgängig machen, müssten die Konsumenten wieder in den Schatten treten. Dann wären eine offene Prävention und der Austausch nicht mehr möglich“, warnt Over.
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