Wer ist denn nun weiß und wer ist eine Person of Colour? Das fragen sich die Studierenden, nachdem ihre Dozentin Saraswati, eine renommierte Professorin für Postcolonial Studies an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, in den Seminarraum tritt und mit ihrer Ansage für Verwirrung im akademischen Betrieb sorgt: „Okay, erst einmal alle Weißen raus."
Es ist eine dieser überzeichneten, satirischen Schlüsselszenen aus Mithu Sanyals Roman „Identitti“, aus dem sie bei Literatürk las. Ihr für den Buchpreis nominiertes, aktuelles Werk manövriert die Leser:innen entlang der Klippen der identitätspolitischen Debatten. Die bereits erwähnte Saraswati rutscht etwa tief hinab, was ihr öffentliches Image betrifft, als auffliegt, dass sie nicht, wie vorgegeben, eine Person of Color ist, sondern Sarah Vera Thielmann heißt, also eine weiße Deutsche ist. Identitti, das ist im Roman der Blog von „Mixed-Race Wonder-Woman“, hinter der wiederum Nivedita Anand steckt, Icherzählerin und zugleich eine Person of Color mit deutscher Mutter und indischem Vater.
„Vielheit der Stimmen"
Nivedita studiert Postcolonial Studies in Düsseldorf, sie schaut hinauf zu dieser renommierten Professorin, bis ihre Hochstapelei schließlich auffliegt. Plötzlich ist die Rede von kultureller Aneignung oder weißer Hegemonie – ebenso Schlagworte, die Mithu Sanyal in ihrem Buch durchschleudert. „Identitti“ steckt voller Bezüge, etwa zum Migrationsforscher Mark Terkessidis oder zu Frantz Fanon, Spiritus Rector der antikolonialen Bewegung.
Vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass viele Leser:innen sich gar nicht sicher waren, durch welches Genre sie da durchblättern. „Ist das überhaupt Literatur?“ Diese Frage erreichte Mithu Sanyal oft, wie sie an diesem Abend in der Essener Zentralbibliothek verrät. Aber ihr Buch entspricht natürlich dem belletristischen Format, es greift Motive der britischen Literatur auf, darunter Zadie Smith oder Salman Rushdie, da diese, so Sanyal, „die Vielheit der Stimmen widerspiegelt.“ Der Unterschied besteht darin, dass ihr Roman nicht in London, sondern in Düsseldorf-Oberbilk oder Essen-Frillendorf spielt – vielleicht, weil die Leute auch hier nach einer Lektüre gieren, die nicht Elke Heidenreich empfiehlt. So sagt Mithu Sanyal über diese mangelnde literarische Repräsentation: „Viele dieser Lebensgefühle sind bisher noch nicht in der deutschsprachigen Literatur erschienen.“
Postmigrantische Label
„Mixed race“ gehört zu den Begriffen, die die promovierte Kulturwissenschaftlerin im Gespräch mit Aidan Riebensahm oft erwähnt. Der englische Terminus entspricht dabei nicht der völkischen Angst vor einer „Rassendurchmischung“, sondern signalisiert die soziale Konstruktion von „race“. Als sie neulich den Auftrag erhielt, einen Essay über Thomas Mann zu verfassen, den sie eigentlich nicht wirklich möge, stieß sie darauf, dass der Literaturnobelpreisträger auch in die „mixed race“-Kategorie fällt.
Denn ausgerechnet dieser Deutscheste und Bürgerlichste – sozusagen die Kanonkartoffel der Weltliteratur – hatte eine Mutter brasilianischer Herkunft. Julia da Silva-Bruhns, verheiratete Mann, wuchs an der südatlantischen Küste Brasiliens auf, bevor sie erst im Schulalter in die spätere Buddenbrooks-Kulisse Lübeck zog, wo sie Deutsch lernte und in die wilhelminisch-preußische Gesellschaft „integriert“ wurde. Heinrich Mann, der etwas kessere Bruder, reflektierte über diese Herkunft im Text „Zwischen den Rassen“, wie Sanyal verrät. Vielleicht ist es also nicht so einfach mit diesen postmigrantischen Labels.
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