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Für die dunkle Seite muss das Unterbewusste namens Zanga (Michael Kamp) bei Rustan (Alexander Gier) schon richtig ackern...
Foto: Thomas M. Jauk

Das Wesen schafft die Träume

01. Juni 2010

Die Wienerin Anna Maria Krassnig inszeniert "Der Tarum ein Leben" am Dortunder Theater - Theater Ruhr 06/10

Schwiegersohn zu werden, fällt Rustan nicht leicht, obwohl die Familie seiner Zukünftigen nicht gerade arm ist und er die Braut liebt. Weder die Verlockungen von Mirza noch die Beschwichtigungen ihres Vaters können die Wunde in Rustans Kopf heilen. Er hat einfach keinen Bock auf philosophische Kaffeekränzchen unterm Lindenbaum. Abenteuer will er erleben, nach Usbekistan ins Inferno, Waffen, Beute, Ruhm statt schaler Freudlosigkeit ohne richtige Abwechslung. Und er hat in Zanga einen Leidensgenossen, der ihm die Flucht schmackhaft macht, ein Mephistopheles in eigener Sache, der den wilden Geist in Rustans Innern nährt. Also wird beschlossen, am nächsten Morgen ins Abenteuer zu ziehen, eine Nacht unterm Lindenbaum trennen den Recken noch von seinem vermeintlichen Glück. Eine Nacht, die ihm Braut und zukünftiger Schwiegervater abgetrotzt haben.

Schon hier wird klar, dass die österreicherische Regisseurin Anna Maria Krassnigg Franz Grillparzers Klassiker „Der Traum ein Leben“ ein wenig gebürstet hat, trotz der Versdichtung dem Zuschauer eine klare Sprache offeriert, viel gestrichen, die Figuren etwas umgedeutet und so Grillparzers psychoanalytischen Kern freigelegt hat. Nur der Ausschluss des Leidenschaftlichen kann den Menschen in seiner Welt weiterbringen, die durch sein Inneres und den Zwang der Mächtigen definiert, für ihn kaum wertfrei steuerbar ist. Die Dominanz des Unterbewussten wird so zur Führung und Fügung, in Krassniggs Inszenierung ist Zanga der dunkle Begleiter von Rustan, doch eigentlich ist es sein zweites Selbst. Selbstbestimmung oder Schicksal, das war Thema auch in Calderon de la Barcas „Das Leben ein Traum”, mit dem der nun scheidende Dortmunder Intendant Michael Gruner vor elf Jahren seine erste Spielzeit eröffnete und jetzt mit Anna Maria Krassnigg die ganz große Klammer herstellte.

Rustan liegt also auf der Bühne allein unter dem alten Kultbaum voller Geweihe, und der Himmel senkt sich über ihn. Aus der schneeweißen Villa des reichen Ästheten wird mit einem schönen bühnetechnischen Einfall der Düsterwald von Samarkant. Das Traumspiel kann beginnen, denn Ruslan und Zanga haben sofort die Chance auf große Taten. Ein Edelmann wird von einer riesigen Schlange verfolgt. Die beiden greifen ungestüm an, doch irgendwie ist Rustan seltsam gehemmt an der Waffe. Zanga muss nachhelfen, bis endlich ein Treffer gelandet ist, die Schlange zu Boden sinkt. Doch Ruslan hat gar nicht getroffen, hoch auf dem Felsen stand ein geheimnisvoller Mann im braunen Mantel und brachte das Tier mit dem ersten Schuss zur Strecke. „Schlechte Schützen, lernt erst treffen“, murmelt der noch und verschwindet. Zanga weiß sich zu helfen. Er erklärt dem Edelmann, der eigentlich der König von Samarkant ist, dass sein Gefährte ein Held ist. Schon hier machen sich bei allen Beteiligten Zweifel breit, Rustan muss fast gezwungen werden, Lohn und Königstochter anzunehmen, noch hat das Unterbewusste nicht die Macht übernommen. „Nutze die Gabe des Geschicks“ – Zanga arbeitet immer weiter. Die Welt des Truges und des Scheines ist es, der Rustan nun immer mehr verfällt, dumm für den König, dass er dem vermeintlichen Retter auch noch seinen Dolch schenkt. Danach geht alles ziemlich glatt. Der Aufstieg kann beginnen.

Es ist beileibe nicht das Oberstufentraktat mit der Interpretationsanalyse „Bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Es ist auch nicht die Kostümparabel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Grillparzers Überich-Analyse von 1834 nahm ein gewaltiges Stück der Arbeit von Sigmund Freud, der erst 1856 geboren wurde, vorweg. Die Wienerin Krassnigg hat dafür in Dortmund eine interessante Deutung gefunden, in der die zeitlose Realität das Märchenhafte zerdrückte, die Personen wie in Trance ihre Rollen spielten. Am Ende hat Rustan zwar den Mann vom Felsen und den König ermordet, sich selbst zum Tyrannen emporgeschwungen, doch irgendwie geht ihm da die Luft aus, das Traumreich entschwindet wieder an die Bühnendecke, er erwacht unterm Hirschbaum. Irgendwie geläutert, irgendwie aber auch nicht. Zanga sein böses Inneres ist nicht verdrängt. Der neue Tag deckt es nur milde zu. Der zukünftige Schwiegervater ahnt den Zusammenhang im scheinbaren Alptraum: „Und was jetzt verscheucht der Morgen, lag als Keim in dir verborgen“. Verdrängen oder ignorieren, das ist hier die Frage. Wie es weitergehen kann? Schlag nach bei Max Frisch und seinem Grafen Öderland.


PETER ORTMANN

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