Kein Vorhang, der sich öffnet, kein Bühnenbild zum Staunen. Beherrscht wird der Blick von einer riesigen Fensterfont, durch die man nur ins Leere schaut. Ein Loft vielleicht irgendwo in der Jetztzeit. Die Zofen in Jean Genets gleichnamigem ersten Theaterstück leben in den Bochumer Kammerspielen zwischen Kartons und einem winzigen Badezimmer, nicht sichtbar im Luxus, dennoch haben sie eine Madame, die reich und herrisch ist, die Männer hat, die sie nicht haben, die den Fehler begeht, den beiden aus einer Laune heraus ihr Vermögen zu versprechen und damit wohl auch ihr eigenes Todesurteil inspirierte.
Doch eigentlich hat Ulf Stengel, von Hause aus Bühnenbildner des Noch-Intendanten Goerden, in seiner ersten Regiearbeit eher die innere Psychoanalyse der beiden Schwestern im Kopf, die sich eigentlich nicht mögen, die der jeweils anderen nichts gönnen und dennoch wie siamesische Zwillinge bei Arbeit und Freizeit aneinandergekettet sind. Vor diesem Konflikt soll das Spiel um die verratene „Gnädige“, eine Tasse vergifteten Lindenblütentee und die chirurgische Entkettung der Schwestern stattfinden.
Genet hätte diese Version sicher nicht gefallen. Er wurde nach einer schweren Kriegskindheit unter Strichjungen und Zuhältern ein schwerer Junge, der sechs Jahre lang quer durch Europa 13mal im Gefängnis saß. Vor einer lebenslangen Haft bewahrten ihn nur Jean Cocteau und Jean Paul Sartre, die seine anarchische Gabe erkannten, Genet war damals literarische Avantgarde, sein Milieu hat er nie verlassen. Inspiriert hat ihn zu den „Zofen“ (uraufgeführt 1947) wohl der berühmte Fall der Schwestern Papin, die 1933 im französischen Le Mans als Dienstmädchen auf bestialischste Weise ihre Herrin und deren Tochter töten und verstümmeln.
Außergewöhnlich sind in Bochum nur die beiden Schauspielerinnen Imogen Kogge und Manuela Alphons, ohne die über Stengls Inszenierung lieber der Mantel des Schweigens ausgebreitet werden müsste. Ausstaffiert, aber verhärmt stolzieren sie durch den leeren Raum, belauern und beherzen sich. Täglich spielen sie Master and Servant in wechselnden Rollen, äffen die Herrin nach, tragen ihre Kleider, statt ihrer Arbeit nachzugehen. Dabei kommt es immer auch zum finalen Mord an der Gnädigen Frau (Evamaria Salcher), doch in der Realität ausgeführt haben sie den nie. Erst als sie einen Umweg gehen wollen, den Liebhaber ihrer Gönnerin denunzieren und darauf hoffen, dass diese daran zerbricht, beginnt die unaufhaltsame Kausalität zu arbeiten, an deren Ende der Liebhaber freikommt und dennoch ein Tötungsdelikt steht, das die chirurgische Trennung der beiden vollzieht, aber eben ganz anders, als sie das geplant haben.
Stengl hat die ursprüngliche Intention des Stücks geknetet, bis es labberig wurde. Genet wollte nicht nur die Rollen damals mit Männern besetzt sehen, er wollte auch das kriminelle Spiel der beiden als unausweichliche Absurdität verstanden wissen, Menschen ohne Skrupel, ohne Gewissen, die selbst beim eigenen Untergang und der Reflexion über ihr Tun noch gefühllos bleiben. Den Kriminellen aus Passion hat das amüsiert. Doch diese Facette wird in Bochum schlicht vorenthalten.
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