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„Der Wildschütz“
Foto: Stefan Kühle

Im falschen Film

27. Juni 2013

Lortzings „Wildschütz“ in Hagen – Theater Ruhr 07/13

So viel Unschuld vom Lande – das geht auf keine Kuhhaut. Zumal diese Unschuld mit der langen, tiefschwarzen Mähne und dem bunten Dirndlkleidchen frappierend an ein berühmtes schönes Mädchen erinnert. Bloß welches war es gleich? Zum Ende des ersten Aktes löst die Regie das Rätsel auf: Der Kinderchor bekommt einen verfrühten Auftritt. Als Zwergenschar und Bäumchen bildet er die rechte Entourage für das Schneewittchen, so wie es Walt Disney auf die Kinoleinwand brachte. Und weil es nicht so recht hineinpasst in diese Kulisse aus gräflicher Jagdgesellschaft und feiernden Landfrauen, setzen sich alle sogleich ihre 3D-Brillen auf, um die unwirklich-märchenhafte Szene in vollen Zügen zu genießen.

Es sind überraschende, eher abwegige Einfälle wie dieser, welche die Inszenierungen von Regisseurin Annette Wolf und Ausstatterin Lena Brexendorff zu etwas Besonderem machen. Ihr Humor ist erfrischend und hebt sich angenehm vom konventionell-biederen Schmunzeltheater ab, als das Komische Opern meist dargeboten werden. Nach zwei überaus witzigen Rossini-Inszenierungen 2009 und 2011 ist das kongeniale Komödiengespann nun wieder ans Theater Hagen gekommen, um Lortzings „Wildschütz“ zu inszenieren. Indes gelingt es ihnen dieses Mal nicht so recht, an ihre ersten Erfolge anzuknüpfen. Ihr „Wildschütz“ braucht sich handwerklich zwar nicht zu verstecken. Das gewohnte Feuerwerk an Gags und Überraschungen aber hat er bei weitem nicht zu bieten. Ob der Regie dies gänzlich anzulasten ist, steht allerdings noch auf einem anderen Blatt. Denn das Theater wurde in der heißen Probenphase von der Grippewelle erfasst. So mag der humoristische Feinschliff krankheitsbedingt unter die Räder gekommen sein. Darauf weisen eine ganze Reihe kleiner Details hin, die durchaus vielversprechende Ansätze zeigen. Gerettet wird die Produktion nicht zuletzt dadurch, dass die Regie mit dem spielfreudigen und humorvollen Ensemble auf einer Wellenlänge liegt. Auf Rainer Zaun ist als Bassbuffo in der Rolle des ältlichen und trinkfreudigen Schulmeisters Verlass. Auch Marilyn Bennett hat als spleenige Gräfin mit einem Tick fürs altgriechische Theater großartige, witzige Szenen in spektakulär überkandidelten Kostümen. Musikalisch schlägt sich das Ensemble unter Leitung von Florian Ludwig ebenfalls beachtlich.

„Der Wildschütz“ I So 7.7. 15 Uhr I Theater Hagen I 02331 207 32 18

KARSTEN MARK

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