Moers hat ein neues Etablissement. Es liegt mitten im Schloss und bietet wohl zahlreiche Rotlicht-Freuden. Zwischen teurem Hochprozentigem und kleiner Sadomaso-Kammer lungern dort jedenfalls öfter ein gewisser Faust mit seinem Kumpel Mephisto auf abgenutzten Sesseln. Gerade hat der Studioso noch gejammert, wie wenig ihn seine wissenschaftlichen Studien weitergebracht haben, hat deklamiert, dass ihn keine Skrupel noch Zweifel plagen, da zückt die Teufelin im schicken Schwarzen gegenüber auch schon einen silbrigen Revolver, lädt mit einer Kugel und reicht ihn über den Nierentisch. Aus Faustens Prahlen „Fürcht mich weder vor Höll noch Teufel“ wird nun, den Abzughahn am Finger, ein jämmerliches Häuflein Elend, er ist ein Wrack mitten in der Absteige und Russisches Roulette wohl nicht sein Ding. Der Moerser Regieassistent Bastian Tebarth durfte sich mit Intendantenunterstützung (Ulrich Greb) an das Goethe-Fragment „Urfaust“ wagen. Einiges bleibt dabei oberflächlich, doch auch mancher Einfall zündet. Dabei lässt der Stoff selbst Spekulationen Raum, denn vieles bleibt bei diesen frühen Texten des deutschen Reim-Meisters offen. Bis heute existiert nur eine unsichere Abschrift des Urfaust aus dem Besitz von Luise von Göchhausen. Der zentrale Unterschied ist, dass Gretchen hier noch nicht gerettet wird, sondern mit Mephisto in die Hölle geht. Und die Figur hat einen historischen Hintergrund: Am 14. Januar 1772 wurde in Frankfurt die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt wegen Kindsmordes hingerichtet. Die Verzweiflungstat gab dem damals dichtenden Anwalt J.W. von Goethe den Anstoß zur Tragödie. Margaretes Figur im Urfaust trotz christlicher Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion?“ ist eigentlich anarchischer, düsterer.
Auerbachs Keller, die Außenszenen in der Nacht, alles spielt sich im kleinen Schlosstheater in der Spelunke ab. Das Gretchen (Kinga Prytula), anfangs noch für Geld in hinteren Räumen zu buchen, wird durch schlichten Kostümwechsel zur unschuldigen Jungfer, die Faust (Frank Wickermann) begehrt und für die Mephisto (Magdalene Artelt) Bündel voller Banknoten an die Puffmutter Marthe zahlen muss, denn Macht hat er da noch nicht über Grete. Das Geld ist wohl gut angelegt, denn anschließend klebt „die Mephisto“ förmlich am Faust, vernascht ihn an der Kneipenmauer. Dann kommt es, wie es kommen soll. Faust fällt in einem minutenlangen Stroboskop-Feuerwerk orgiastisch und maskiert mit allen Beteiligten über Grete her, die dann ihren Kreuzweg mit Kinderwagen beginnt und sich mit einer schallgedämpften Pistole den unvermeidlichen Weg in die Hölle schießt. Am Ende liegen Wagner und Marthe tot im Weg, Faust verletzt in der Ecke. Die Liebestragödie im Moerser Rotlichtmilieu ist aus. Das Publikum bleibt dabei im Etablissement gefangen, erst wenn der letzte Beifall und sogar ein vereinzeltes Buh verklungen ist, können sie sich wieder den Weg quer durchs Bühnenbild in die frische Abendluft suchen.
Die Idee, die Zuschauer durch die Nachtbar auf ihre Plätze zu lotsen, war das Interessanteste am Abend, unverständlich blieb die recht indifferente Faust-Figur, deren eigentlich starkes Ego im „Urfaust“ in dieser Fassung kaum Beachtung fand. Die 90 Minuten-Inszenierung mit gesungenem König von Thule, Klaus Nomi vom Band und etwas Nebel aus dem Nichts hinter der roten Tür, einer Frau als Mephisto, gab es auch bereits (zum Beispiel Sabine Orleans bei Jürgen Kruse in Bochum), ist mit Sicherheit kein Meisterwerk vom Assistenten und schon gar nicht des Pudels Kern. Doch den findet Faust ja auch erst in Goethes größtem Drama, und da geht es für Gretchen auch bedeutend besser aus.
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