Im Oktober geben sich gleich zwei Urgesteine des deutschen Nachkriegskinos die Klinke in die Hand: Margarethe von Trotta und Wim Wenders. Zwei, die den deutschen Film nachhaltig geprägt und international bekannt gemacht haben – und dabei unterschiedlicher nicht sein könnten, was sich auch in ihren neusten Werken zeigt.
Mit einem Film über die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wendet sich Margarethe von Trotta, die den feministischen Film mit starken Frauenfiguren in Deutschland erst salonfähig machte, nach Rosa Luxemburg und Hannah Arendt ein weiteres Mal einer ikonischen Frauenfigur des 20. Jahrhunderts zu. Mit Liebe zum Detail und ruhigem Tempo erzählt „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ aus dem Leben der feministischen Lyrikerin, die mit nur 47 Jahren unter tragischen Umständen verstarb. Im Fokus dabei steht natürlich auch die kurze und heftige Liebesbeziehung zu Max Frisch. Als sie sich 1958 kennenlernten, waren beide schon Stars der Literaturszene. Es folgte eine vier Jahre lang dauernde, turbulente und leidenschaftliche Liaison, in der die emanzipierte und freiheitsliebende Bachmann und der eher biedere und eifersüchtige Frisch sich aneinander abarbeiteten, sich inspirierten, liebten und auch fertigmachten – eine Zeit, die noch Jahre später in den Werken der beiden nachhallen sollte. Am 16. Oktober wird Margarethe von Trotta mit Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld zur Premiere in der Lichtburg in Essen zu Gast sein, bevor der Film am 19. Oktober regulär startet.
Wim Wenders widmet sich in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ ebenfalls einem berühmten kreativen Kopf – und porträtiert den Maler und Bildhauer Anselm Kiefer. Schon als Schüler von Jospeh Beuys wurde der bekannt, als er sich Ende der 1960er Jahre mit Hitlergruß fotografieren ließ und die Skandalpose später mit Öl auf Leinwand übertrug. Die kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, kollektiver Schuld sowie dem Erbe und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus zieht sich wie ein roter Faden durch Kiefers Arbeiten, wenngleich seine Werke fast immer eine komplexe Mehrdeutigkeit prägt. 2 Jahre lang hat Wenders seinen langjährigen Künstlerkollegen und Freund begleitet, der insbesondere durch seine monumental wirkenden Leinwandarbeiten bekannt ist, bei denen er durch die Verwendung von so unkonventionellen Materialien wie Blei, Asche oder Stroh eine ganz eigene Dichte und Textur erzeugt. Währung Anselm Kiefer damit nicht zuletzt auch die Zweidimensionalität seiner Malerei auflöst, benutzt Wim Wenders 3D-Technik, womit es ihm gelingt, den expressiven Gestus von Kiefers Arbeiten für die Leinwand fast so erfahrbar zu machen, als stände man in dessen riesigem Atelier, das eher einer Lagerhalle gleicht. Auch Wim Wenders wird im altehrwürdigen Lichtburg-Kino am 3. Oktober bei seiner NRW-Premiere zu Gast sein, der Film startet dann regulär am Film am 12. Oktober.
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