Die Musik dröhnt, die Bühne bebt. Überwachungskameras beobachten die Sperrholz-Szenerie, die Henry Millers Domizil darstellen soll. Schauspieler wechseln Positionen, posen Bilder ins grelle Licht. So weit so gut, das Stück beginnt, Spannung baut sich auf. Der Ukrainer Andrij Zholdak inszeniert am Oberhausener Theater Millers Roman „Sexus“, die Dramatisierung ist eine Uraufführung. Eigentlich sollte das eine gelungene Kombination sein, beide Künstler sind für ihr Image als Enfant Terrible bekannt: Millers Wortgewalt trifft also auf Zholdaks Bildermacht. Doch es kam leider anders.
Die autobiografische Geschichte um das Leben des großen amerikanischen Schriftstellers ist eine redundante Aneinanderreihung uninspirierter Pseudo-Kopulationsszenen. Die Dialoge um Millers exzessive Auseinandersetzung mit Leben und Schriftstellerei und der Verbindung beider zu einem Gesamtkunstwerk geht im endlosen Rumoren auf der Bühne unter. Eine sinnvolle Choreografie ist kaum auszumachen. Rausch geht einfach irgendwie anders, und da hilft auch keine Gewalt gegen Requisiten, eingespielte Livemusik und Lichtorgelattitüden. Zum Glück war wohl keine Nebelmaschine im Konzept vorgesehen. „Kunst ist doch heutzutage Luxus“, sagt Michael Witte, der den Sexisten auch mal gekonnt ohne Unterhose spielt, tatkräftig unterstützt vom Souffleur, der in dieser Inszenierung seinen ganz großen Auftritt hat. Unterstellt, dass Witte bekanntermaßen Texte lernen kann, war das ein interessanter Regiegag, der mit Dauer des fast vierstündigen Abends aber ein wenig an Wirkung verlor.
Zholdak, der mit Frau und Kindern in Berlin im Exil lebt, hat dort wohl viele René Pollesch-Inszenierungen gesehen. Jedenfalls erinnerten Bühnenbild, der offensive Einsatz von Videokameras und der herumwandelnde Souffleur doch ein wenig an den Helden vom Prenzlauer Prater, der dort über wesentlich besseres Mimen-Potential verfügt. Zholdak eckte früher gern mit dem Ensemble an, das er immer nur als Marionetten seiner Arbeit bezeichnete. Doch irgendwie ist auch an ihm die Zeit nicht vorbeigegangen. Jahre ist es her, dass er als Leiter des ukrainischen Theaters in Charkiw zur europäischen Avantgarde gehörte, dass er nach kurzer Zeit aus diesem Amt gewiesen wurde und im Westen sein Heil suchte. Trotz seines Scheiterns an der Berliner Volksbühne, die Uraufführung von „Love´s Month“ mit dem Schewtschenko-Theater in Bochum hat Bilder produziert, die noch heute durch die Gehirnhälften geistern. Die Erinnerung an „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und andere Inszenierungen in Charkiw ist noch konserviert. Damals war Theater für Zholdak noch eine Droge einer anderen Welt, sollte man heute Drogen brauchen, um zu ihm ins Theater zu gehen?
In Oberhausen stellt sich die Frage, was bleibt, wenn die abgefahrene Bilderwelt von damals nicht mehr funktioniert. „Fantasie ist die Stimme der Wagnis“ wird gerade auf der Bühne souffliert. Doch von Wagnis ist nach einigen Jahren im Westen leider nicht mehr viel geblieben, auch der nächste Miller-Fick in einer Pfütze lässt eher gähnen. Und was am allerschlimmsten ist, mit dem, was die Seele des Schriftstellers quälte, hat das nur noch wenig zu tun. Für einen Zholdak-Fan bleibt also nur noch das Prinzip Hoffnung und die Film-Aufzeichnungen aus den 1990er Jahren.
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