Wenn die Köpfe von Danton und Desmoulins vom Baugerüst hinter die Bühne rollen, ist das Spiel aus, die Ideale der Revolution dahin. Die liebenden Frauen folgen ihren Männern in den Tod. Der Despot Robespierre hat scheinbar gewonnen. Aber warum? Diese Kernfrage hat Sibylle Broll-Pape am Prinz Regent Theater in Bochum in den Mittelpunkt ihrer konzentrierten Inszenierung von Georg Büchners "Dantons Tod" gestellt. Ihr ehemaliger Dramaturg Jan Demuth hat den Text gekürzt, ohne dessen Seele zu entfernen, ganz im Gegenteil, sie strahlt hell ohne manch überflüssigen Ballast.
Die gelungene Choreografie auf der Bühne folgt dieser Komprimierung konsequent. Ein Baugerüst, ein Chaiselongue, Sand auf dem Boden und im Getriebe der Revolution. Danton (Stephan Ullrich) zerbricht an seinem eigenen Anspruch, das Volk ist hin- und hergerissen zwischen der Fiktion von Freiheit und der blutigen Rache gegen die einst Herrschenden, Wolfram Boelzle als aalglatter Robespierre nutzt diesen Umstand geschickt aus, seine bestehende Schreckensherrschaft wird nur noch von Danton gefährdet. So legt er den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit des vom Volke geliebten Revolutionsführers offen, dessen Lebenswandel im krassen Gegensatz zu den Visionen steht, und er hat interessanterweise damit gar nicht so unrecht. Das Leben im Luxus scheint Danton zu zerreißen, er verliert den Kontakt zu sich selbst und zu dem Wahnsinn, der da draußen auf den Straßen wütet. Erst als er mit seinem Freund Desmoulins im Kerker sitzt, erkennt er die Gefahr, zu spät für beide. Glücklicherweise hat Robespierre sie damals nur drei Monate überlebt.
Auch die Reduzierung der Schauspieler auf fünf, die Revolutionäre spielen gleichzeitig die Bürger von Paris, macht in der Inszenierung von Sibylle Broll-Pape viel Sinn und verdichtet die Atmosphäre. Die zahlreichen Kleidungs- und Maskenwechsel auf der Bühne zu den veritablen Klängen von Eckard Koltermann sind ebenso sehenswert wie die überzeugenden Schauspieler, und so ist „Dantons Tod“ ein interessanter Abend, der Büchner nicht verkleinert, aber seine Inhalte erhöht.
Licht in der Finsternis
„Brems:::Kraft“ in Köln und Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 01/25
Brautkleid aus reinster Haut
„Subcutis“ in Mülheim a. d. Ruhr und Köln – Theater Ruhr 01/24
Trance durch Kunst
Die Reihe Rausch 2 in Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 11/23
Brecht im Discounter
„Der gute Mensch von Sezuan“ am Grillo-Theater in Essen – Theater Ruhr 10/23
Bretter der Kulturindustrie
„Das Kapital: Das Musical“ im Schauspiel Dortmund – Theater Ruhr 10/23
Siehst du, das ist das Leben
„Der erste fiese Typ“ in Bochum – Theater Ruhr 06/23
Der gefährliche Riss in der Psyche
„Die tonight, live forever oder das Prinzip Nosferatu“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 04/22
Unberührbare Souveränität
Frank Wedekinds „Lulu“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 03/20
Totenmesse fürs Malochertum
„After Work“ in den Bochumer Kammerspielen – Theater Ruhr 02/20
Gespenstisches Raunen
Die Performance „Geister“ am Schauspielhaus Bochum – Theater Ruhr 02/20
Drei wilde C´s im Schnee
„After Midnight“ im Essener Grillo – Theater Ruhr 02/20
Von Büchern überschüttet
„Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ in Mülheim – Theater Ruhr 02/20
Tragödie mit Diskokugel
Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ in Oberhausen – Theater Ruhr 01/20
Ein hochemotionaler Spiegel
Khaled Hasseinis „Drachenläufer“ in Castrop-Rauxel – Theater Ruhr 01/20
Donna Quichotta der Best Ager
„Linda“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 01/20
Spiegelei, Toast und Tier
„Das Reich der Tiere“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 12/19
Heute geht es auch ohne Brandbeschleuniger
„Biedermann und die Brandstifter“ in Essen – Theater Ruhr 11/19
Desinfiziert und doch tot
„Die Pest“ in Moers – Theater Ruhr 11/19
Wenn Datenberge erodiert sind
„Identität“ in Dortmund – Theater Ruhr 11/19
Biografisches Sightseeing
Babett Grube inszeniert „Alles ist wahr“ in Oberhausen – Theater Ruhr 11/19
Amouröse Programmierung
„Ein Sommernachtstraum“ am Theater Oberhausen – Theater Ruhr 07/19
Mit Drogen locker durchs Leben
Huxleys „Schöne neue Welt“ in Bochum – Theater Ruhr 07/19
Aufm Arbeitsamt wird gesabbert
„Willems wilde Welt“ von theater glassbooth – Theater Ruhr 07/19
Morden als Maloche
Harold Pinters „Der Stumme Diener“ in Essen – Theater Ruhr 06/19
Schaut wie die Kirschbäume fallen
„Der Kirschgarten“ in Essen – Theater Ruhr 06/19