Auf der Bühne stehen Pseudolinke von damals, die sich kaum gegen den Krieg auf dem Balkan aufgelehnt haben. Es sind Kinder, die im Wohlstand aufgewachsen sind und mit Euro in den Taschen ins Berufleben gestolpert sind, sie stoßen auf Kreuzwege der Visionen und Hoffnungen, dafür opfern sie Wohngemeinschaft und Liebesbeziehung. Jetzt treffen sie sich nach zehn Jahren wieder, im schicken Hotel, 11. September, unauffindbare Weapons of Mass Destructions, selbst der Tsunami sind längst aus den Augen verloren, wie eigentlich die ganze Dekade selbst. Einen Abend und eine Nacht lang umschwirren sie sich wie Motten, die eine Kerze am Ende des Tunnels fürchten. „Wir haben einmal dazu gehört. Zur Mittelschicht, zur emotionalen Mittelschicht". Dieser Satz trifft das Magma im Kern einer ganzen Generation, die immer noch auf irgendetwas Epochales wartet und doch freiwillig in der Bedeutungslosigkeit verharrt.
Ewald Palmetshofers Stück „wohnen. unter glas" gibt der ehemaligen Clique mit Kuschelfaktor eine neue Chance, die letzte wohl. Babsi, Jeani und Max wollen diverse Enttäuschungen und letzte Hoffnungen auf fortzuschreibende Gemeinsamkeit aufarbeiten und ausloten. Doch der Verwesungsgeruch einst stolzer Blüten weht bereits über das Set im Bochumer Theater unter Tage. Die aufgesetzte Komödie ist eigentlich ein Trauerspiel. Wortfetzen verwehen, die Philosophie eines neuen Lebenshöhepunkts scheitert am dreifachen Einzelzimmer.
Dabei hat der Österreicher Palmetshofer den Jammerfaktor ausgeschaltet, lässt die Liebe als heimlichen Lästerer durch die Nacht spuken, die alle drei auf dem Hotelbalkon verbringen, weil ihre Einsamkeit sie nicht schlafen lässt. Sie sind streitende Narren, die nicht mehr wissen, wofür sie die schicke Kampfzone betreten haben. Regisseurin Katja Lauken choreografiert ihre Protagonisten auf einer Aussichtsplattform vor idyllischer Bergkulisse, doch so richtig funktionieren die Abläufe der Figuren nicht. Des Autors Sprache verlangt den stakkatohaften Dialog mit endlosen „Dus“, Bewegung wird nur noch als Stilmittel für den Text benötigt, wie das elegante Bühnenbild (Kathrine von Hellermann) auch.
Der Spaßfaktor hält sich dabei in Grenzen, zu durchsichtig ist das Gespinst zwischen den dreien, zu spannungslos die Suche nach Bedeutung. Hochdramatisch geht anders, doch dafür scheint diese Generation eben zu farblos, selbst der liebesunfähige Max (Marc Oliver Schulze spielt ihn gewissenhaft authentisch) zwischen zwei willigen Frauen verliert sich lieber in Selbstmitleid. Braucht es Trauerarbeit für ein verpasstes Leben mit Anfang dreißig? Nein. Insofern hat der Text als bebilderte Tatsachen-Deskription viel zu leisten. Palmetshofers ureigene Sprache, zu Unrecht oft mit Werner Schwab oder Thomas Bernhard verglichen, lebt vom Unausgesprochenen, vom diffizilen Subtext hinter den Zeilen. Lesung oder Inszenierung scheinen sich für sein Theater nie auszuschließen, kein leichter Umgang für eine Bühne, aber doch leichte (nicht seichte) Kost beim genauen Zuhören, das eine oder andere Schmunzeln eingeschlossen. Diese Generation gerät leicht zur Lachnummer, die allerdings eher zum Heulen sein sollte.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Licht in der Finsternis
„Brems:::Kraft“ in Köln und Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 01/25
Brautkleid aus reinster Haut
„Subcutis“ in Mülheim a. d. Ruhr und Köln – Theater Ruhr 01/24
Trance durch Kunst
Die Reihe Rausch 2 in Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 11/23
Brecht im Discounter
„Der gute Mensch von Sezuan“ am Grillo-Theater in Essen – Theater Ruhr 10/23
Bretter der Kulturindustrie
„Das Kapital: Das Musical“ im Schauspiel Dortmund – Theater Ruhr 10/23
Siehst du, das ist das Leben
„Der erste fiese Typ“ in Bochum – Theater Ruhr 06/23
Der gefährliche Riss in der Psyche
„Die tonight, live forever oder das Prinzip Nosferatu“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 04/22
Unberührbare Souveränität
Frank Wedekinds „Lulu“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 03/20
Totenmesse fürs Malochertum
„After Work“ in den Bochumer Kammerspielen – Theater Ruhr 02/20
Gespenstisches Raunen
Die Performance „Geister“ am Schauspielhaus Bochum – Theater Ruhr 02/20
Drei wilde C´s im Schnee
„After Midnight“ im Essener Grillo – Theater Ruhr 02/20
Von Büchern überschüttet
„Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ in Mülheim – Theater Ruhr 02/20
Tragödie mit Diskokugel
Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ in Oberhausen – Theater Ruhr 01/20
Ein hochemotionaler Spiegel
Khaled Hasseinis „Drachenläufer“ in Castrop-Rauxel – Theater Ruhr 01/20
Donna Quichotta der Best Ager
„Linda“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 01/20
Spiegelei, Toast und Tier
„Das Reich der Tiere“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 12/19
Heute geht es auch ohne Brandbeschleuniger
„Biedermann und die Brandstifter“ in Essen – Theater Ruhr 11/19
Desinfiziert und doch tot
„Die Pest“ in Moers – Theater Ruhr 11/19
Wenn Datenberge erodiert sind
„Identität“ in Dortmund – Theater Ruhr 11/19
Biografisches Sightseeing
Babett Grube inszeniert „Alles ist wahr“ in Oberhausen – Theater Ruhr 11/19
Amouröse Programmierung
„Ein Sommernachtstraum“ am Theater Oberhausen – Theater Ruhr 07/19
Mit Drogen locker durchs Leben
Huxleys „Schöne neue Welt“ in Bochum – Theater Ruhr 07/19
Aufm Arbeitsamt wird gesabbert
„Willems wilde Welt“ von theater glassbooth – Theater Ruhr 07/19
Morden als Maloche
Harold Pinters „Der Stumme Diener“ in Essen – Theater Ruhr 06/19
Schaut wie die Kirschbäume fallen
„Der Kirschgarten“ in Essen – Theater Ruhr 06/19