Das Festival beginnt Ende November mit einem "Eröffnungsmarathon" in der Kölner Halle Kalk, denn das Prinzip der allgemeinen Überforderung hat sich für die „Impulse“ – das die wichtigsten freien Produktionen der letzten zwei Jahre in Deutschland, Österreich und der Schweiz außerhalb des Stadttheaters zeigt – bewährt. Acht Marathons und Halbmarathons geben der immer größer werdenden Besucherzahl wieder Gelegenheit, das Programm auch in geballter Form sehen zu können. Zu Fuß in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr oder im Festivalbus quer durchs Rhein-Ruhr-Gebiet, das für Kulturinteressierte längst die wahre Zielfläche in NRW darstellt. „Wir haben mehr Produktionen als beim letzten Mal“, sagen die beiden Festivalmacher Tom Stromberg und Matthias von Hartz, die bei ihrer zweiten Künstlerischen Leitung ein noch vielfältigeres Programm zusammengestellt haben. 15 Produktionen zeigen 49 Vorstellungen an zwölf Tagen. Das ist komprimiertes freies deutschsprachiges Theater, das kein Kulturhauptstadt-Label braucht, um wertvoll zu erscheinen. Erneut haben die zwei mit Gisèle Vienne und Philippe Quesne zwei europäische Produktionen eingeladen, die außerhalb des Wettbewerbs gezeigt werden und wichtige internationale Strömungen freier Theaterarbeit nach Deutschland bringen. Das schafft neben Auseinandersetzung auch Impulse. So zeigt Philippe Quesne eine Autopanne im Niemandsland. Sechs langhaarige Rocker mit Hund entsteigen einem Kleinwagen mit Wohnanhänger. Aus Plastiktüten, Perücken, Schneespray und einer Seifenblasenmaschine entwickeln sie kleine Installationen und große Wunder. Mit einfachen Mitteln und in offenen Verwandlungen erzählt „La Mélancholie des Dragons“ von dem schöpferischen Moment der Krise und der Sehnsucht nach dem Echten und Wunderbaren.
Und die darf man für rund 780.000 Euro, die Städte, Bundeskulturstiftung, Kunststiftung NRW und als Hauptsponsor das NRW Kultursekretariat aufbringen, auch erwarten, selbst wenn es keinen roten Faden im Programm gibt, den Intendant Stromberg auch gar nicht braucht. Dafür sind auch die genreüberschreitenden Ränder der Szene vertreten, die Tanz, Puppenspiel oder Dokumentar-Theater integrieren. andcompany&Co. ist ein internationales Performance-Kollektiv, das 2003 von Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma in Frankfurt/Main gegründet wurde. Zusammen mit anderen Künstlern arbeitet es an der Schnittstelle von Theater und Theorie, Politik und Praxis. Die Arbeiten, die zumeist von Versuchslaboren und Performance-Lectures begleitet werden, vermischen und verdichten auf humorvolle Art Fakten und Fiktionen sowie Bruchstücke ästhetischer und philosophischer Entwürfe des 20. Jahrhunderts zu einem eigenen politischen Statement. Die ausgewählte Produktion „Mausoleum Buffo“ ist Teil einer Trilogie, die 2006 mit „little red (play): ‘herstory’“ beim freischwimmer-Festival begann und deren Teile unter anderem beim Kunstenfestivaldesarts Brüssel, beim steirischenherbst in Graz und bei den Wiener Festwochen gezeigt wurden. Das Stück handelt von einer Politik der Trauer und dem Totenkult, der mit Lenins Beerdigung begann und mit Stalins Grablegung nicht endete. Ob es damit auch für einen der drei Preise reicht, ist nicht sicher. Im Wettbewerb um den Hauptpreis als beste deutschsprachige Off-Theaterproduktion stehen immerhin elf Produktionen. Der Preisträger wird dann auch im Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens und bei den Wiener Festwochen zu sehen sein. Als zweiter Preis gilt eine vom Goethe Institut unterstützte internationale Gastspieltour. Der Drittplatzierte erhält den Dietmar-N.-Schmidt-Preis, der zum zweiten Mal für eine herausragende künstlerische Arbeit verliehen wird. Für solche Aussichten stellen die Performer von Gop Squad auch schon mal Passanten in Köln vor laufender Kamera und fragen: „Wie soll man leben, damit die Welt bestehen bleibt?“ Die Ergebnisse ihrer ungewöhnlichen Beobachtungen kann man nun, gänzlich unzensiert auf der Leinwand sehen – eine aussagekräftige, widersprüchliche und vor allem humorvolle Bestandsaufnahme des Zeitgeists. Die Impulse sind also auf einem guten Weg, was sich auch an einer Verdoppelung der Zuschauerzahlen festmachen lässt.
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