Eine ungewöhnliche Dinslakener Kultur-Aktiengesellschaft sorgt seit über zehn Jahren in einer Burg fürs jährliche Festival.
Das hätten sich die Grafen von Kleve im 12. Jahrhundert bestimmt nicht vorstellen können. In den Mauern ihrer mächtigen Burg tobt die Kultur. Dazu klebt ein Freiluft-Theater außen an den Felsen direkt neben dem Aufstieg zum Burginnenhof. Jeder Besucher ist maximal 20 Meter von der Bühne entfernt. Rundherum liegt heute die Altstadt von Dinslaken, die Stadt betreibt in den Mauern auch Stadtarchiv und Standesamt.
Hier findet im August das Fantastival statt. Zehn Veranstaltungen. Darunter BAP, Truckstop, Popolski, Pispers, Appelt, Jazz und ein konzertanter Leckerbissen aus New York. Ein Festival mit großen Namen also an der Peripherie des nordwestlichen Ruhrgebiets? Das ist kaum zu glauben und eigentlich auch ziemlich unbekannt. Obwohl das Freilichtereignis ein Novum ist, denn es wird mit einer Aktiengesellschaft finanziert. 1995 fand sich in Dinslaken ein Kreis an Kultur interessierter Bürger zusammen. Ziel war, das kulturelle Profil der Stadt zu stärken, dazu sollte die romantische Kulisse des Burgtheaters mit einem professionellen Unterhaltungsangebot neu belebt werden. Aus der Initiative wurde die erste Kulturaktiengesellschaft Deutschlands mit 436 Kleinaktionären, die zunächst ein Stammkapital von 150.000 DM aufbrachten. Dazu wird die Freilicht AG immer noch von ehrenamtlichem Engagement getragen, nur eine hauptamtliche Geschäftsführerin wird beschäftigt. In den letzten 10 Jahren wurden so weit über 100 kulturelle Highlights nach Dinslaken geholt. Zum mehrtägigen Fantastival kommen inzwischen Gäste aus ganz Deutschland.
Warum? Nun sicherlich auch wegen BAP, die seit dem Frühjahr wieder auf Tour sind und auch im 33. Jahr ihrer Karriere noch keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigen. Spielen werden die Altmeister vor allem ihr aktuelles hochgelobtes Album „Radio Pandora“, auf dem sie über die Bewahrung der Hoffnung trotz aller Anfechtungen und über Toleranz und Respekt musizieren. Ganz anders Truck Stop. Auch die sind zwar in die Jahre gekommen, aber das ist Clint Eastwood ja auch. Ihr neues Album "Leb’ Dein Leben" versprüht Lebensfreude und ist auch ein Geschenk an die Fans, die der erfolgreichsten europäischen Country-Band (Goldene Stimmgabel 1996, 1998 und 2006 in der Sparte Country Music) seit mittlerweile mehr als 35 Jahren die Stange gehalten haben.
Auch die Fantastival Jazznight ist großartig besetzt. Mit dem Akkordeonisten Manfred Leuchter und dem Gitarristen Ian Melrose werden zwei international anerkannte Virtuosen aus unterschiedlichen Genres auf der Bühne stehen. Leuchter, der begnadete Jazzer mit dem arabischen Einschlag, und Melrose, einer der wichtigsten Folk- und Akustikgitarristen im keltischen Bereich, kreieren eine neue musikalische Fusion. Zu erwarten sind magische musikalische Momente, berührende Melodien, wilde Improvisationen, pulsierende und schräge Rhythmen.
Aus New York kommt das Ahn-Trio, und damit wird auch die Junge Sommernacht der Klassik erstmals international. Das Schwestern-Trio (Klavier, Cello, Geige) kommt direkt über den großen Teich nach Dinslaken auf die Fantastival-Bühne. Die drei jungen Frauen präsentieren Kammermusik, vieles aus dem Repertoire wurde eigens für die Schwestern komponiert. Den unkonventionellen Ahns aus New York gelingt es dabei immer wieder, ein großes Publikum und Kritiker zu begeistern. Auch bekannte Titel aus der Pop- und Jazzsparte interpretieren die Künstlerinnen auf unverwechselbare Weise.
Die Shareholder der Kultur-AG bekommen also eine kunstvolle Dividende, die Zuschauer genießen die erwirtschafteten Boni. Ob Ingo Appelt oder Volker Pispers auch dieses Finanzierungssystem auf die Hörner nehmen, ist nicht bekannt, aber höchst unwahrscheinlich.
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