René Pollesch zeigta auf einer Mülheimer Industriebrache „Cinecittà Aperto“, die RuhrTrilogie, Teil 2.
Drei Campingbusse, René Polleschs Abwrack-BMW, ein echter Polizeiwagen und eine polnische Nebelmaschine versetzen die von Industriekultur entkernte Fläche mitten in Mülheim in die cineastische Welt des Neorealismus. Es ist wieder Stunde Null im Ruhrgebiet, wenn auch bereits der zweite Teil der RuhrTrilogie läuft und sich die Pott-Kulturschickeria bei Pils und Bratwurst-Catering eingefunden hat. Pollesch glaubt eben wohl auch an ihre gelebten Leben, aber er glaubt nicht ans System, wenn er auch selbst heute davon profitiert und seine fünf funktionierenden Organismen über die Szenerie hetzen lassen kann, die dann atemlos seine Gesellschaftskritik zwischen Darwin und Marx rezitieren müssen. Alles schön verpackt in die skurrile Geschichte eines Filmteams, das sich in der Filmfabrik Cinecittà bei Rom wähnt, wo Fellini, Visconti und Rossellini gedreht haben, und dann doch nur auf der Mülheimer Industriebrache gelandet ist.
Vor den kulturellen Genuss hat der Regisseur, Autor und Volksbühnen-Spielstättenleiter erst einmal den steinigen Weg gesetzt, tausend Schritte bis zum Set, durch Beton gewordene Errungenschaften mittelständischer Betriebe, am historischen Wasserturm vorbei, quer durch Baustellen, dann kann man schon die orangefarbigen Bauwagen von Bühnenbildner Bert Neumann sehen, die unumgängliche Videofläche und eine genial gebaute Straßenszene, „außen hui und innen Gerüst“ heißt es da im Stück. Die grauen Häuserfassaden entlang der Straße wurden flugs zur Kulisse umfunktioniert, ihre Balkone bieten kostenlose Logen aufs Geschehen, werden komischerweise aber nur sporadisch genutzt. Das Premierenpublikum, in Decken gehüllt und auf Plastikstühlchen platziert, darf dann den Staub genießen, den Pollesch mit seinen Fahrzeugen und aberwitzigen Dialogen aufwirbelt. Wie immer geht alles hektisch zu, die Schauspielerinnen stöckeln über die Brache, dass es eine Lust ist, und die präzisen Textmengen über Michel Foucault, Ulrike Meinhoff, über Herzog und Kinski, Marcel Reich-Ranitzki und Stephen Hawkings fliegen vorbei, da ist der eingebaute Scherz längst noch nicht verlacht. Was will Pollesch damit nur erreichen? „Wir sind keine Gedankenlieferer“, sagt er und inszeniert das auch so. Seine viel beschworene Kapitalismuskritik hat sehr tiefe Wurzeln, und die stecken viel tiefer im Theorem, als der Rezipient sie zwischen Splitscreen-Video und halsbrecherischer Zeitlupen-Stunteinlage aufnehmen könnte. Das hat System, und nur wer es schafft, das Illusionsgebäude auf der Bühne niederzureißen, kann dahinter ein paar der komplexen Gedankenspuren entdecken. Die schrecklichste Herrschaftsform auf dem Planeten sei mit Foucault die sogenannte pastorale Macht. Sie kümmert sich um unsere Seelen und um unsere Individualität, aber eben nicht um die Körper. „Wir werden also auf eine Gemeinschaft angesprochen, wir seien alle Menschen, gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass wird doch ein anderer Mensch sind als der andere“, erklärt Pollesch einen Ur-Strang in seinem Stück „Cinecittà Aperto“. Dies führe am Ende zu einer menschenverachtenden Vereinzelung.
Eine kausale Handlung braucht es dafür nicht. Den römischen Trevibrunnen werden die Schauspieler an diesem Abend eh nicht mehr finden, auch weil der BMW an seinem historischen Ort Runden als Drehbühne absolviert. Das Filmteam versinkt zusehends im Chaos, der Strom wird abgestellt, die Rollen vermischen sich, und auch Starregisseur Rainer Maria Ferrari hat das Textheft nicht mehr in der Hand. „Die Körper verblassen nicht, nur das Gesicht des Menschen im Sand“, murmelt es von fern. „Mehr Nebel“ ruft Trystan, und dann darf man auch schon wieder zum Catering-Wagen oder den Weg zurück durch die mittelständischen Baustellen. Das ist ganz großes Theater-Kino ohne Cineplex-Hallen oder Popcornberge.
Das Pollesch-Cinecittà-Kulturhauptstadt-Filmset wandert nun an die Volksbühne und in ihre restaurierte Nebenstelle am Prenzlauer Berg. Draußen war eine Aufführung in der Bundeshauptstadt nicht möglich. Erst 2010 stellt Berlin für die Gesamt-Trilogie auch ein Außengelände zur Verfügung. Doch Probleme mit Platz wird man im heiligen Prater nicht haben. Die Außenszenen wurden gefilmt und werden dort als Hintergrund dienen und stöckeln, das können Catrin Striebeck, Christine Groß und Inga Busch auch dort. Vielleicht ist die erzwungene Raumverdichtung auch ein Vorteil für die funktionierenden Körper, aka Publikum.
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