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Unruhe im Gericht

01. April 2010

"Öderland" im Ringlokschuppen - Theater Ruhr 04/10

Ein ziemlich großes Papierschiffchen steht auf der Bühne. Aktenordner in Reih und Glied. Leichte Verwirrung stiftet ein weißer mechanischer Hase, der dazwischen herumhoppelt. Graf Öderland und seine Mitstreiter betreten den Raum, das Häschen bleibt auf der Strecke, brutal zertrümmert von einer stählernen Axt. Langsam rollen die Batterien unter die erste Reihe, der Ritt durch die Abgründe sozialen Lebens beginnt, an seinem Anfang steht ein Staatsanwalt, der den zu verurteilenden Mörder ohne Motiv erst nicht versteht und ihm dann doch nacheifert.

Der junge, im schweizerischen Chur aufgewachsene Regisseur Achim Lenz hat Max Frischs blutigen Ausbruch aus dem Räderwerk der Gesellschaft parallel im Theater Chur und dem Ringlokschuppen Mülheim einstudiert. Mehr als ein paar Aktenordner, Stühle und das weiße Schiffchen brauchte er dafür nicht, seine fünf exzellenten Schauspieler erzählen die Geschichte in Mehrfachbesetzungen auch so, in dem Ensemble ist jeder zu allem fähig. Öderland will nach Santorin, den Traum des freien Lebens verwirklichen, der unbescholtene Mörder ohne Motiv wies ihm den Weg. Erreichen wird er die Vulkaninsel trotz Axt und neuer Frau nicht. Sein Frust-Kreuzzug gegen ein sinnloses System wird zur politischen Bewegung, Öderland wird erst zum Idol, dann zum Despoten wider Willen. Der Traum ist ausgeträumt. Der Versuch bleibt ein untauglicher.

Lenz‘ Inszenierung ist absolut sehenswert. Akribisch verdichtet er Handlung und Personenführung, verbindet Licht mit Handlungssträngen, streut außergewöhnliche Regieeinfälle ein, wenn es Sinn macht. Und seine Akteure gehen viele weite Wege zwischen Gericht, Einöde und Kanalisation, zwischen Euphorie, Resignation und ein bisschen Sex. Der Ringlokschuppen spielte „Öderland“ ensuite, auch in Chur steht das Stück noch nicht wieder auf dem Spielplan. Man könnte zur Axt greifen.

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