Laue Sommernächte und rauschende Bäume im Raffelbergpark. Mit den „Weißen Nächten“ geht das Theater an der Ruhr in Mülheim traditionell eruptiv in die Sommerpause. An fünf prall gefüllten Abenden zeigt es eine Mischung aus Publikumsrennern, kurdischem Theater und zeitgenössischer Musik. Alles kostenlos und unter freiem Himmel. Und für die Kinder schauen am Sonntagnachmittag noch mal eben der Wolf und die sieben Geißlein vorbei.
Den Auftakt aber macht „Doña Rosita oder Die Sprache der Blumen“. Roberto Ciullis Interesse an Lorca richtete sich früh auf die frappierende Einheit von Biographie und Werk des Dichters. Als zentrales Motiv zieht sich durch Lorcas Leben und Literatur das Aufbäumen gegen gesellschaftlich zementierte Regularien, die auf inhumane Weise mit den Bedürfnissen des Einzelnen kollidieren. Die gelungene Inszenierung aus 2007 war damals eine Koproduktion mit der Ruhrtriennale.
Auch Johann Nepomuk Nestroys Eisbär hat es in diesem Jahr in den Raffelbergpark verschlagen. In seinem Stück „Häuptling Abendwind“ wird das Tier zwar geschlachtet, doch war es zuvor hoch verehrt auf des Häuptlings einsamem Eiland, das noch von keiner Zivilisation erreicht wurde, so dass sich der Brauch der Menschenfresserei ungetrübt erhalten konnte. Fatal, dass die Inselbewohner dabei ihre eigenen Ressourcen in Gestalt ihrer Frauen verzehrt haben. Eine wunderbare Inszenierung von Paolo Magelli. Sie ist immer wieder gern gesehen wie auch Brechts ewige „Dreigroschenoper“, die Ciulli in eine poetische Clowneske verwandelte.
Die zwei interkulturellen Theaterabende kommen aus der Türkei vom Stadttheater Diyarbakir. „Das Irrenhaus“ ist ein kurdisches Volksstück und handelt von der Neueröffnung einer Anstalt. Die künftigen Bewohner wollen dafür eine „richtige“ Feier. In „Yasar Ne Heye, Ne Ji Tuneye“, einer musikalischen Komödie, setzt sich der in der Türkei berühmte Autor Aziz Nesin satirisch mit dem bürokratischen Staatsapparat auseinander: Die Hauptfigur Yasar ist laut behördlichem Eintrag verstorben und muss deshalb ihr Leben lang um die Anerkennung ihrer Existenz kämpfen.
Interessantester musikalischer Hauptact ist sicher am Eröffnungsmittwoch die Band „Bohren & Der Club of Gore“. Die haben ihren ganz eigenen Stil eines dunklen, langsamen, auskomponierten Jazz entwickelt. „Abwechslung ist eben was für Weicheier”, sagt dazu Christoph Clöser von Bohren. Die zumeist instrumentalen Stücke sind geprägt durch einen abwechslungsarmen Minimalismus und eine getragene, meditative Stimmung. Ihr Stil wird gern auch als „Horror-Jazz“ bezeichnet, denn es ist eine dunkle, geheimnisvolle Klangwelt, die die Band aus dem Ruhrgebiet zelebriert, und die deshalb auch international längst eine eingeschworene Fangemeinde hat.
Licht in der Finsternis
„Brems:::Kraft“ in Köln und Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 01/25
Brautkleid aus reinster Haut
„Subcutis“ in Mülheim a. d. Ruhr und Köln – Theater Ruhr 01/24
Trance durch Kunst
Die Reihe Rausch 2 in Mülheim a.d. Ruhr – Theater Ruhr 11/23
Brecht im Discounter
„Der gute Mensch von Sezuan“ am Grillo-Theater in Essen – Theater Ruhr 10/23
Bretter der Kulturindustrie
„Das Kapital: Das Musical“ im Schauspiel Dortmund – Theater Ruhr 10/23
Siehst du, das ist das Leben
„Der erste fiese Typ“ in Bochum – Theater Ruhr 06/23
Der gefährliche Riss in der Psyche
„Die tonight, live forever oder das Prinzip Nosferatu“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 04/22
Unberührbare Souveränität
Frank Wedekinds „Lulu“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 03/20
Totenmesse fürs Malochertum
„After Work“ in den Bochumer Kammerspielen – Theater Ruhr 02/20
Gespenstisches Raunen
Die Performance „Geister“ am Schauspielhaus Bochum – Theater Ruhr 02/20
Drei wilde C´s im Schnee
„After Midnight“ im Essener Grillo – Theater Ruhr 02/20
Von Büchern überschüttet
„Sokrates der Überlebende / Wie die Blätter“ in Mülheim – Theater Ruhr 02/20
Tragödie mit Diskokugel
Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ in Oberhausen – Theater Ruhr 01/20
Ein hochemotionaler Spiegel
Khaled Hasseinis „Drachenläufer“ in Castrop-Rauxel – Theater Ruhr 01/20
Donna Quichotta der Best Ager
„Linda“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 01/20
Spiegelei, Toast und Tier
„Das Reich der Tiere“ am Theater Dortmund – Theater Ruhr 12/19
Heute geht es auch ohne Brandbeschleuniger
„Biedermann und die Brandstifter“ in Essen – Theater Ruhr 11/19
Desinfiziert und doch tot
„Die Pest“ in Moers – Theater Ruhr 11/19
Wenn Datenberge erodiert sind
„Identität“ in Dortmund – Theater Ruhr 11/19
Biografisches Sightseeing
Babett Grube inszeniert „Alles ist wahr“ in Oberhausen – Theater Ruhr 11/19
Amouröse Programmierung
„Ein Sommernachtstraum“ am Theater Oberhausen – Theater Ruhr 07/19
Mit Drogen locker durchs Leben
Huxleys „Schöne neue Welt“ in Bochum – Theater Ruhr 07/19
Aufm Arbeitsamt wird gesabbert
„Willems wilde Welt“ von theater glassbooth – Theater Ruhr 07/19
Morden als Maloche
Harold Pinters „Der Stumme Diener“ in Essen – Theater Ruhr 06/19
Schaut wie die Kirschbäume fallen
„Der Kirschgarten“ in Essen – Theater Ruhr 06/19