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24. März 2025

Oysterband in der Bochumer Zeche – Musik 03/25

Im kommenden Jahr könnten sie 50-jähriges Bestehen feiern, doch letztes Jahr überraschte die Oysterband mit der Nachricht, sich trennen zu wollen. 1976 im englischen Canterbury gegründet, spielte die Oyster Ceileidh Band zunächst bei Volksfesten zum Tanz auf. Schon damals mit dabei waren John Jones (Gesang, Akkordeon), Alan Prosser (Gitarre, Gesang) und Ian Telfer (Geige, Gesang). Doch das Korsett des English Folk war den Musikern schon bald zu eng, man begann mit eigenem Songwriting und öffnete sich in Richtung des Rock. „Ceileidh“, das gälische Wort für traditionellen Tanz, verschwand aus dem Bandnamen, elektrische Gitarren und Schlagzeug kamen hinzu. In der Thatcher-Ära der 80er Jahre meldete sich die Band zudem immer stärker politisch zu Wort. In den 90er Jahren haben insbesondere die Alben „Deserters“ und „Holy Bandits“ dazu beigetragen, die Band in der Folk-Rock-Szene zu etablieren. Vor allem aber steht die Oysterband seit Jahrzehnten für ein energiegeladenes Live-Erlebnis. Und davon will man sich nun allen Ernstes verabschieden? Die Ankündigung klingt glaubwürdiger als die regelmäßig alle paar Jahre lancierte „letzte Tour“ der Stones. Doch zunächst einmal steht eine ausgedehnte Tour an, die nun auch nach Deutschland führte, wo die Band sich auf besonders treue Fans verlassen kann.

In Metal-Kreisen

Die ausverkaufte Bochumer Zeche mit ihrer ruhmreichen Vergangenheit bietet an diesem Sonntag eine adäquate Kulisse für den Abschied einer Legende. Es ist eines der letzten Konzert auf kontinentalem Boden – neben zwei Festivalauftritten in Dänemark und Süddeutschland. Zwei Abende zuvor gastierte die Band in der Kulturkirche in Köln-Nippes, einer ehrwürdigen und atmosphärisch faszinierenden Location, doch die Kirchenbänke bremsten die Energie im Publikum ein wenig. In Bochum hingegen steht einem standesgemäßen Rock-Konzert nichts im Wege. Vom ersten Ton an ist das Publikum voller Sangesfreude. Die meisten hier kennen jedes Wort, die grauen Haare zeugen von Jahrzehnten, die man gemeinsam mit der Musik dieser Band verbracht hat. Tourshirts aus der Zeit vor der Jahrtausendwende mögen ihre Passform verloren haben, werden aber mit Stolz getragen. Mit „Native Son“ stimmt die Band einen Song an, der prägende Elemente des Abends vorwegnimmt: Da ist ein treibender Rhythmus, der sich im Verlauf eines Songs langsam steigert, ein hymnischer Chorus, der zum inbrünstigen Mitsingen einlädt und schließlich in einen ausgelassen-folkigen Part mündet, der in früheren Zeiten zum Kreistanz im äußerst lebendigen Pit geführt hätte. Nicht umsonst genießen die Folk-Rocker auch in Metal-Kreisen hohes Ansehen. So wild wie früher wird es im Publikum nicht mehr, aber rundweg allen hier ist anzusehen, welchen Spaß sie heute abend haben – von der Bühne bis zur Empore.

Vom Brexit zu Trump

Der Großteil der Songs dieses Abends kommt von den 1990er Alben „Deserters“, „Holy Bandits“ und „Shouting End of Life“ und damit liefert die Band die größten Hits, ohne die die Fans die Männer nicht von der Bühne gehen lassen würden. So eine Abschiedstour ist nicht die Zeit für B-Seiten und Raritäten. Der Sound in der Zeche ist großartig, jedes Instrument klar herauszuhören und über allem liegt die prägnante Stimme von John Jones, dessen getönte Brille die Rührung in seinem Blick nicht ganz verbergen kann. Ian Telfer kündigt „All That Way For This“ als einen Brexit-Song an, den er nun Trump umwidmet. Alan Prosser überrascht auch die Bandkollegen, als er allem Anschein nach unangekündigt solo an der Gitarre „God Only Knows“ von den Beach Boys covert. Belustigte Ratlosigkeit in den Gesichtern der anderen zeugt von dem Alleingang und verwandelt sich in Ergriffenheit beim Chorus „God only knows what I’d be without you“. Stehlen sich da Tränen in die Gesichter der Musiker? Der neueste Song aus der Setlist hat mittlerweile auch schon 12 Jahre auf dem Buckel: „A River Runs“ vom Album „Diamonds on the Water“. Vom aktuellsten Album „Read The Sky“ aus dem Jahr 2022 erklingt kein einziger Song. Aber auch wenn nur wenig neues Material gespielt wird: Das hier ist kein Abgesang auf frühere Größe – das hier ist der Abschied einer Band, die tatsächlich gehen will, wenn es am schönsten ist. Und Band und Publikum liefern noch einmal die althergebrachten Rituale, wissen, was sie einander schuldig sind: Der Refrain von „Everywhere I Go“ wird von der gesamten Halle weitergesungen, auch wenn die Instumente verstummen – so lange, bis der Song anschließend von der gesamten Band noch einmal aufgenommen wird. Und als sich die Band verabschiedet, dauert es nicht lange, bis erste „Don’t Be Afraid!“-Rufe nach der klassischen Zugabe „We Could Leave Right Now“ verlangen. Schließlich vermengen sich der noch einmal aufgegriffene Chorus von „Everywhere I Go“ und „Don’t Be Afraid“ zu einem auf- und abbrandenden Kanon. Den Schlusspunkt setzt dann gewohnt ruhig das akustisch intonierte „Put Out The Lights“, ein Schlaflied, das für sentimentale Gänsehautmomente sorgt. Am Ende ist man verschwitzt, beseelt und eigentlich fühlt es sich fast an wie immer nach einem Oysterband-Konzert – doch so, wie es aussieht, wird es kein nächstes Mal geben. „Thanks for everything“ – mit diesem nüchternen letzten Satz beschließt Jones den hochemotionalen Abend.

Frank Schorneck

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