Im kommenden Jahr könnten sie 50-jähriges Bestehen feiern, doch letztes Jahr überraschte die Oysterband mit der Nachricht, sich trennen zu wollen. 1976 im englischen Canterbury gegründet, spielte die Oyster Ceileidh Band zunächst bei Volksfesten zum Tanz auf. Schon damals mit dabei waren John Jones (Gesang, Akkordeon), Alan Prosser (Gitarre, Gesang) und Ian Telfer (Geige, Gesang). Doch das Korsett des English Folk war den Musikern schon bald zu eng, man begann mit eigenem Songwriting und öffnete sich in Richtung des Rock. „Ceileidh“, das gälische Wort für traditionellen Tanz, verschwand aus dem Bandnamen, elektrische Gitarren und Schlagzeug kamen hinzu. In der Thatcher-Ära der 80er Jahre meldete sich die Band zudem immer stärker politisch zu Wort. In den 90er Jahren haben insbesondere die Alben „Deserters“ und „Holy Bandits“ dazu beigetragen, die Band in der Folk-Rock-Szene zu etablieren. Vor allem aber steht die Oysterband seit Jahrzehnten für ein energiegeladenes Live-Erlebnis. Und davon will man sich nun allen Ernstes verabschieden? Die Ankündigung klingt glaubwürdiger als die regelmäßig alle paar Jahre lancierte „letzte Tour“ der Stones. Doch zunächst einmal steht eine ausgedehnte Tour an, die nun auch nach Deutschland führte, wo die Band sich auf besonders treue Fans verlassen kann.
In Metal-Kreisen
Die ausverkaufte Bochumer Zeche mit ihrer ruhmreichen Vergangenheit bietet an diesem Sonntag eine adäquate Kulisse für den Abschied einer Legende. Es ist eines der letzten Konzert auf kontinentalem Boden – neben zwei Festivalauftritten in Dänemark und Süddeutschland. Zwei Abende zuvor gastierte die Band in der Kulturkirche in Köln-Nippes, einer ehrwürdigen und atmosphärisch faszinierenden Location, doch die Kirchenbänke bremsten die Energie im Publikum ein wenig. In Bochum hingegen steht einem standesgemäßen Rock-Konzert nichts im Wege. Vom ersten Ton an ist das Publikum voller Sangesfreude. Die meisten hier kennen jedes Wort, die grauen Haare zeugen von Jahrzehnten, die man gemeinsam mit der Musik dieser Band verbracht hat. Tourshirts aus der Zeit vor der Jahrtausendwende mögen ihre Passform verloren haben, werden aber mit Stolz getragen. Mit „Native Son“ stimmt die Band einen Song an, der prägende Elemente des Abends vorwegnimmt: Da ist ein treibender Rhythmus, der sich im Verlauf eines Songs langsam steigert, ein hymnischer Chorus, der zum inbrünstigen Mitsingen einlädt und schließlich in einen ausgelassen-folkigen Part mündet, der in früheren Zeiten zum Kreistanz im äußerst lebendigen Pit geführt hätte. Nicht umsonst genießen die Folk-Rocker auch in Metal-Kreisen hohes Ansehen. So wild wie früher wird es im Publikum nicht mehr, aber rundweg allen hier ist anzusehen, welchen Spaß sie heute abend haben – von der Bühne bis zur Empore.
Vom Brexit zu Trump
Der Großteil der Songs dieses Abends kommt von den 1990er Alben „Deserters“, „Holy Bandits“ und „Shouting End of Life“ und damit liefert die Band die größten Hits, ohne die die Fans die Männer nicht von der Bühne gehen lassen würden. So eine Abschiedstour ist nicht die Zeit für B-Seiten und Raritäten. Der Sound in der Zeche ist großartig, jedes Instrument klar herauszuhören und über allem liegt die prägnante Stimme von John Jones, dessen getönte Brille die Rührung in seinem Blick nicht ganz verbergen kann. Ian Telfer kündigt „All That Way For This“ als einen Brexit-Song an, den er nun Trump umwidmet. Alan Prosser überrascht auch die Bandkollegen, als er allem Anschein nach unangekündigt solo an der Gitarre „God Only Knows“ von den Beach Boys covert. Belustigte Ratlosigkeit in den Gesichtern der anderen zeugt von dem Alleingang und verwandelt sich in Ergriffenheit beim Chorus „God only knows what I’d be without you“. Stehlen sich da Tränen in die Gesichter der Musiker? Der neueste Song aus der Setlist hat mittlerweile auch schon 12 Jahre auf dem Buckel: „A River Runs“ vom Album „Diamonds on the Water“. Vom aktuellsten Album „Read The Sky“ aus dem Jahr 2022 erklingt kein einziger Song. Aber auch wenn nur wenig neues Material gespielt wird: Das hier ist kein Abgesang auf frühere Größe – das hier ist der Abschied einer Band, die tatsächlich gehen will, wenn es am schönsten ist. Und Band und Publikum liefern noch einmal die althergebrachten Rituale, wissen, was sie einander schuldig sind: Der Refrain von „Everywhere I Go“ wird von der gesamten Halle weitergesungen, auch wenn die Instumente verstummen – so lange, bis der Song anschließend von der gesamten Band noch einmal aufgenommen wird. Und als sich die Band verabschiedet, dauert es nicht lange, bis erste „Don’t Be Afraid!“-Rufe nach der klassischen Zugabe „We Could Leave Right Now“ verlangen. Schließlich vermengen sich der noch einmal aufgegriffene Chorus von „Everywhere I Go“ und „Don’t Be Afraid“ zu einem auf- und abbrandenden Kanon. Den Schlusspunkt setzt dann gewohnt ruhig das akustisch intonierte „Put Out The Lights“, ein Schlaflied, das für sentimentale Gänsehautmomente sorgt. Am Ende ist man verschwitzt, beseelt und eigentlich fühlt es sich fast an wie immer nach einem Oysterband-Konzert – doch so, wie es aussieht, wird es kein nächstes Mal geben. „Thanks for everything“ – mit diesem nüchternen letzten Satz beschließt Jones den hochemotionalen Abend.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Brachial und nahbar
Brasilianische Band Sepultura in Zeche Bochum – Musik 08/23
Nur potentielle Wirklichkeit
Das Schauspiel in Bochum kommt spät und mit vielen Wahrheiten – Prolog 10/18
Die Flashmobs zum Tanzen
Festival „Tanz Bochum, tanz!“ – das Besondere 03/17
Mögliche Struktur im Spiel
Der „Kasten“ in der Bochumer Zeche 1 – das Besondere 12/16
Sie waren einst heimatlose Ausländer
Ausstellung „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“ in Bochum – Kunstwandel 08/16
Wenn Rituale zu Tanz werden
Renegade in der Bochumer Zeche 1 – Theater Ruhr 04/16
„Ich denke da immer auch über Grenzen hinaus“
Zekai Fenerci fördert seit 2007 mit dem Verein Pottporus und der Tanzkompanie Renegade die junge urbane Kultur – Sammlung 11/15
Düstere Klänge, fröhliche Gesichter
Epica mit prominenter Unterstützung in der Zeche Bochum – Musik 01/15
Epik hat einen Namen
Am 15. Januar treten Epica in der Zeche Bochum auf
Tanzen, Schwitzen, Lächeln
Ina Forsman im Dortmunder Musiktheater Piano – Musik 03/25
Herz bricht Klischees
Krazy und Karl Neukauf im Dortmunder Subrosa – Musik 02/25
Große Stars und die nächste Generation
Zum Programm des Klavierfestivals Ruhr – Festival 02/25
Poesie im Alltäglichen
International Music in Dortmund – Musik 01/25
Hommage an Nino Rota
Kazda & Indigo Strings im Loch – Musik 01/25
Das blaue Licht in Bochums Norden
Otto Groote Ensemble im Bochumer Kulturrat – Musik 12/24
Schummerlicht und Glitzerhimmel
Suzan Köcher's Suprafon in der Bochumer Goldkante – Musik 12/24
Pessimistische Gewürzmädchen
Maustetytöt im Düsseldorfer Zakk – Musik 11/24
Komm, süßer Tod
„Fauré Requiem“ in der Historischen Stadthalle Wuppertal – Musik 11/24
Konfettiregen statt Trauerflor
Sum41 feiern Jubiläum und Abschied in Dortmund – Musik 11/24
Erste Regel: Kein Arschloch sein
Frank Turner & The Sleeping Souls in Oberhausen – Musik 10/24
Eine ganz eigene Kunstform
Bob Dylan in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle – Musik 10/24
Psychedelische Universen
Mother‘s Cake im Matrix Bochum – Musik 10/24
Sich dem Text ausliefern
Bonnie ,Prince‘ Billy in der Essener Lichtburg – Musik 10/24
Improvisationsvergnügen
Das Wolfgang Schmidtke Orchestra in der Immanuelskirche – Musik 09/24
Essen-Werden auf links drehen
Cordovas im JuBB – Musik 09/24