Dem Schlachtenbummler sei in die Hand versprochen: Nicht alles lässt sich erleben, Entscheidungen sind verlangt, Farbenfrohes wartet. Hangelt man sich von der Website des Salonfestivals weiter zu den Seiten der Künstler, tut sich bereits ein mächtiger Kosmos auf. Und schon ist es geschehen, freut man sich auf Musiker, die man noch gar nicht kennt, ist gespannt auf die Wirkung ihrer Performance in einem Raum, der nicht Konzertsaal ist.
Wer sich heute an den Begriff Salonmusik wagt, sollte die Historie parat haben. Der Salon startete als großbürgerlicher und zunächst anspruchsvoller Abenddiskurs mit virtuoser Musikuntermalung und mündete in kleingeistiges Schwadronieren, zu dem die Dame des Hauses Flohwalzeriana in die Tasten drosch. Ob musikalischer Jour fixe in der Altbauwohnung oder Richard Claydermans Geklimper im Kaufhaus – beides sind Nachwehen jener Salonmusik, die einst des Kaisers Bart trug.
Wenn nun das bundesweite Salonfestival antritt, um Konzerte, Lesungen, Theater und Tanz unter die Dächer privater Gastgeber zu holen, dann dümpelt im Schlepptau vielleicht ein Wust des unbehaglichen Erbes. Von der musikalischen Qualität bis zur akustischen Tauglichkeit der Räume, von Sinn und Hintersinn bourgeoisen Mäzenatentums bis zum Rollenverständnis der Performer wird da noch einmal alles aufgewühlt, was Kulturdebatten schon im 19. Jahrhundert würzte.
Das muss nicht tragisch sein. Zumal man die Dinge auch anders betrachten kann. Dazu die Organisatoren: „Abseits der großen Bühnen finden die Künstler im Rahmen unseres Festivals zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten in Wohnzimmern und Werkstätten, Lofts und Läden, Ateliers und Arbeitsräumen. Und sie treffen auf Menschen, die sich für ihre Kunst und sie persönlich als Künstler interessieren, egal ob sie unentdeckt und jung oder schon Größen ihrer Zunft sind.“
Nach dem Start zur Oktobermitte in München ziehen Unentdeckte wie auch Zunftgrößen zu allerlei Häuschen im Lande, lassen sich aber ungewöhnlich oft in Bochum blicken. „Es ist eine erfahrene Musikstadt“, sagt dazu Claudia Bousset, die Gesamtleiterin des Festivals, die aber hofft, vom guten auf den noch besseren Weg zu kommen und eines Tages landesweit so gut präsent zu sein wie in Bochum.
Dort steigt NRW am 29.10. um 19.30 Uhr mit Singer-Songwriterin Hannah Köpf ein. Im Hauptsitz der GLS Bank an der Christstraße 9 stellt sie Musik von ihrer CD „Lonely Dancer“ vor. Die Scheibe firmiert nun schon im zweiten Jahr als „neues Album“ und hat inzwischen reichlich Beifall in gestandenen Fachzeitschriften erhalten. Manchem Kritiker drängt sich der Vergleich mit Joni Mitchell auf. Köpf selbst, nur wenig über die 30 hinaus, bekennt sich zur Inspiration durch Joan Baez, Carole King und eben Joni Mitchell, so als habe sie sich eine Generation rückwärts gepurzelt. Und etwas in der Art ist im GLS Bankgebäude auch zu erwarten: die Renaissance von Balladen, wie sie zur Woodstock-Ära gefielen. Das lässt Rückschlüsse auf die Gastgeber zu, denn sie haben entsprechend dem Festivalkonzept ein Mitspracherecht. Nur logisch, da sie als Unterstützer und Mitfinanziers – durchaus in der Tradition des Salons – ein bisschen was in die Hand der Künstler blättern müssen. „Jeder trägt etwas bei, jeder wird belohnt“, sagt Bousset, wohl wissend und anerkennend, dass die Gastgeber sogar Bütterchen schmieren, während Förderer den Kapitalstock sozusagen aus dem Off füttern.
Viel hat sich dieser verlustfreie Dreieckshandel vorgenommen: viele Termine, viele Spielorte, auch in Bonn, Düsseldorf, Essen und Köln, viele Stilrichtungen und viel Wirbel. Wer es als Gast richtig genießen will, muss allein in die Planung reichlich Zeit stecken. Mag man veredelte Pop-Klassiker (small is beautiful am 31.10., 18 Uhr, bei VBW Wohnen, Wirmerstraße 28, Bochum) oder doch eher Funk und Soul (Steal a Taxi am selben Tag um 20 Uhr, Aulinger Rechtsanwälte, Josef-Neuberger-Straße 4, Bochum)? Soll zur Musik auch ungewöhnliche Architektur wirken (Jacob Karlzon am 3.11., 19.30 Uhr, im Exzenterhaus an der Bochumer Universitätsstraße 60)? Ist es Kick oder Reibung, wenn Afrosoul in der Zahnarztpraxis erklingt (Carmen Brown Trio am 6.11., 19.30 Uhr, bei Gerhards und Jolk, Terminalring 1 am Düsseldorfer Flughafen)?
Ganz am Rande erfährt man beim Festival, wie bequem sich im Ballungsraum NRW Kultur zum Reiseanlass nehmen lässt. Deutlich wird das etwa, wenn Musiker wie Kaye Ree an zwei Orten zu erleben sind. Da ihr Bochumer Konzert am 6.11. ausverkauft ist, schwenkt man einfach zum Alternativtermin im Essener Privathaus digi3 (8.11., 15.30 Uhr, Finkenhof). Sehr privat wird es am Heidhauser Platz 1 in Essen, wenn am 7.11. ab 20 Uhr Musical-Talent Dionne Wudu ihre „Favorite Songs“ singt.
Derweil warten in Düsseldorf weniger geläufige Takte. Marimba, Vibraphon und Trommeln wird Vivi Vassileva mitbringen, um am 4.11. ab 20 Uhr in einem Privathaus an der Angermunder Straße zu beweisen, dass Percussion prächtig den Puls der Zeit trifft. Als Kontrast zaubert das Emaline Delapaix Trio auf keltischer Harfe, Cello und akustischer Gitarre einen Mix, der zwischen Kate Bush und skandinavischer Romantik changiert (5.11., 19.30 Uhr, Volmerswerther Straße 21, Düsseldorf).
das salonfestival | musik zu Gast: bis 8.11.| www.salonfestival.de
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