Mit dem hervorragend organisierten Shuttle Bus vom Hauptbahnhof und dessen minimaler Verspätung an der Kemnade angekommen, wühle ich mich entlang der Beschilderung durch Kleidung, Schmuck und duftendem Essen zu Zelt 3. Zeit, wenigstens die kulinarischen Angebote für mein leibliches Wohl zu nutzen, bleibt mir leider nicht, doch dafür sorgen die NachtSchnittchen pünktlich um halb 7 für seelische Sättigung.
Da sich Helmut Sanftenschneider, Headmaster der Show NachtSchnittchen, vor seinem Auftritt auf YouTube ein ACDC-Konzert mitsamt seiner pathetischen Ankündigung plus tosendem Applaus angesehen hatte, muss sich das Publikum gehörig ranhalten, um ihm ein ACDC-artiges Gefühl zu vermitteln: „Ladies and Gentlemen: Heeeeelmut Sanftenschneideeeer!“ Und verfällt dann tatsächlich in einen wahren Klatschwahn. Und weil Hand- und Armmuskulatur nun so schön gelockert sind, fordert Sanftenschneider ein Frage-Antwort-Spiel zum Kennenlernen mithilfe von Applaus. Interessant: Es wird lauter geklatscht bei der Frage, wer in einer glücklichen Beziehung sei als bei der Frage, wer überhaupt in einer Beziehung sei. Muss sich da etwa jemand selbst überzeugen? Wie dem auch sei, auf das Glück eines Pärchens in langjähriger Beziehung (zwei Jahre) bestellt Sanftenschneider erst einmal Sekt - und trinkt ihn selbst. So gelockert kündigt er die Band „Wildes Holz“ an, die die Blockflöte vom Image des Kinderspielzeugs befreien soll.
Danach beginnt ein Abend voller Musik, Entertainment und Wortwitz, zu dem Piet Klocke, Torsten Sträter und Sebastian Pufpaff auf eigene, originelle Weise ihren Teil beitragen. Einige Lehren können aus diesem Abend mit nach Hause genommen werden:
1.) Heroin verursacht kein Sodbrennen und Thomas Edison erfand nicht das Licht, auch wenn Piet Klockes Saxophonistin dies auf naive Art glaubhaft zu machen versucht.
2.) Taubengegurre ist ein Zeichen tiefster Depressivität. Die Ratten der Lüfte sollten endlich einfach springen.
3.) Flamenco ist nicht rosa und steht auch nicht auf einem Bein.
4.) „You’re My Heart, You’re My Soul“ ist ursprünglich ein Flamenco-Tanz über einen verletzten Torero, „Pokerface“ ein Flamenco-Jingle für eine logopädische Praxis, die Melodie von Rolf Zuckowskis Smash Hit „In der Weihnachtsbäckerei“ ist dreist den Spaniern geklaut worden, ging ihnen aber vor 50 Jahren bereits auf den S*ck, und selbst das Steigerlied hat seine Ursprünge in der Flamencomusik. Alles nur geklaut. Wie desillusionierend.
5.) Kabarettpreise bekommt man für Performances bestehend aus vier Minuten Text und 26 Minuten Schweigen (zumindest wenn man Torsten Sträter heißt).
6.) Es gibt Teile Deutschlands, die tatsächlich nicht im Sanifair-Gebiet liegen, dem Phantasialand für Leute, die gediegen ka**cken möchten. Dort sollte man jedoch aus Anstand der Klofrau im weißen Kittel und silbernem Haar bei längeren Geschäften tunlichst 20€ in den Teller legen. Und nein, das ist nicht zu viel.
7.) Die letzte und wichtigste Lehre, die die werte Autorin dieses Artikels am eigenen Leib erfahren durfte: Verlasse nie! auffällig die Sitzreihen, um auf die Toilette zu gehen, während der Poetry Slammer über den 8.500 Teile-Star Wars Todesstern seines Sohnes spricht. Er sieht dich. Er wirft dir vor versammelter Mannschaft Kinderfeindlichkeit vor. Also lass es und unterdrücke den Drang.
Torsten Sträter, ein falscher Helmut Sanftenschneider und Hennes Bender aka Piet Klocke bei Zeltfestival-TV:
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