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Proben für den Untergang. Das Ensemble für „Im Westen nichts Neues“
Foto: Diana Küster

„Wir spielen nicht den Ersten Weltkrieg nach“

26. Februar 2015

Henner Kallmeyer inszeniert im Theater Unten „Im Westen nichts Neues“ – Premiere 03/15

Zwanzig aus ihrer Klasse waren sie, als sie in den Krieg zogen. Bald sind sie nur noch zwölf, der Rest tot, verwundet, verrückt. Ein zeitgenössisches Thema für die Bühne? Die Inszenierung nach dem Roman von Erich Maria Remarque entstand in Zusammenarbeit mit der Essener Folkwang Universität der Künste. trailer sprach mit Regisseur Henner Kallmeyer und den Schauspielern Luana Velis und Maximilian Pulst.

trailer: Gibt es im Westen nichts Wichtigeres?
Henner Kallmeyer:
Ich habe im Radio gehört, dass letztes Jahr wohl 400 deutsche Soldaten wegen Kriegstraumata behandelt wurden. Das sei ein Viertel mehr gewesen als im Jahr vorher. Es geht also um die Frage, wie sehr ein Krieg in den Knochen bleibt und wie man damit umgeht. Wir spielen auf der Bühne ja nicht den Ersten Weltkrieg nach oder setzen uns also in historischen Uniformen und Karabinern auf die Bühne und spielen Schützengraben. Wir suchen, wie man nach einem Krieg mit solchen Traumata umgeht. Die Leute, die das spielen, sind alle etwa 20 Jahre alt. Ein Großteil von ihnen wäre, wenn er Jahrgang 1898 oder so geboren wäre, längst tot oder verwitwet. Und sich das zu vergegenwärtigen und damit auch umzugehen, das ist tatsächlich so aktuell wie Theater sein soll.

Remarque hat von der „verlorenen Generation“ gesprochen. Haben wir heute auch verlorene Generationen, nur mit anderen Ursachen?

Henner Kallmeyer
Foto: Diana Küster
Henner Kallmeyer, geboren in Lübeck, begann seine Theaterlaufbahn am Schauspielhaus Bochum, wo er u.a. Christina Paulhofer assistierte. Seit 2002 ist er freischaffender Theaterregisseur.

HK: Jede Generation hat doch ein bisschen das Gefühl, sie sei was Besonderes und jede Generation geht auf eine eigene Art verloren, wenn sie denn verloren geht. Das ist doch das Auszeichnende von Leuten zwischen 17 und 25, dass man sich als etwas Besonderes fühlt und sich auch anders fühlt als die, die vorher da waren. Ich weiß nicht, ob es den Schauspielern auch so geht?

Maximilian Pulst:
Ja, schon. Das ist wie ein Schwert, das über einem schwebt. Besonders wenn man in Deutschland aufgewachsen ist und durch die ganze Vernetzung andere Leute in unserem Alter sieht, die verloren gehen. Bei uns ist es Gott sei Dank nicht so. Es schwebt aber über einem, dass es vielleicht noch kommt. Gerade in diesen ganzen Zeiten, Stichwort Minsk und so. Das spielt alles mit. Mit der Klasse waren wir in Palästina und haben ein Stück gespielt. Wir sind dort in Kontakt gekommen mit unserer Generation in Palästina. Dann kommt man wieder und denkt anders über alle Sachen nach. Ich finde es gut, dass man jetzt mit diesem Projekt die Möglichkeit hat, über Krieg nachzudenken. Und eine Form zu finden, den Krieg nicht als Debatte, die man immer führt oder in den Medien geboten kriegt, sondern als was Emotionales zu sehen.

Aber eigentlich will das doch keiner mehr sehen, oder?
HK:
Das werden wir sehen. Die Premiere ist schon ausverkauft. „Im Westen nichts Neues“ ist immer noch ein sehr gut verkauftes Buch, weil es einen tatsächlich packt. Der Roman ist weniger veraltet als die Filme. Der Film muss 1930 ein ziemlicher Knaller gewesen sein, war schon ein Fanal seiner Zeit. Was einen in dem Roman so kriegt, ist das Unmittelbare. Das Gefühl der Jugendlichkeit und des totalen Erlebens von Krieg. Es geht tatsächlich nicht darum, eine Debatte zu führen und nicht zu sehen, wie Putin Maschinengewehre verschenkt, sondern dass Leute um die 20 da einfach verrecken.
Luana Velis:
So wie wir das umsetzen, habe ich das Gefühl, dass es überall spielen könnte, dass es zeitlos ist. Und deswegen ist es so aktuell, finde ich. Was auch in dem Roman so wunderschön ist, ist dass der Krieg 100 Jahre her ist und ich mich trotzdem immer noch andocken kann an die Probleme der Jugendlichen damals.
HK:
Es hört dann auch auf, wenn die mal aus dem Schützengraben raus sind für kurze Zeit. Plötzlich sind sie ganz normale 18-Jährige, die schwimmen gehen und Französinnen kennenlernen und versuchen, die klar zu machen, und gleichzeitig setzt Remarquedagegen das Bild der Soldaten, die alle am Puff in einer Reihe stehen und abwarten bis sie dann mal dran sind. Was ist da das Verhältnis zur Sexualität und was ist Kameradschaft, wie werden sie erwachsen unter dem Terror des Krieges?

Und wie wird die audiovisuelle Materialschlacht auf der Bühne?
HK:
Sie meinen Videos und Trockeneis? Nein. Wir sind ja im Theater und das sind begabte junge Leute, da brauche ich so was nicht.

Ist das mehr Erinnerungskultur oder Zukunftsvision?
HK:
Es ist wahrscheinlich etwas von beidem.
LV:
Darum geht es auch gar nicht. Es geht nicht darum, irgendeine These aufzustellen. Es geht wirklich um die Menschen, die sich darin befinden und was sie erleben, und damit zu berühren.

Es gibt ein berühmtes Remarque-Zitat: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“ Sind das nicht eher die Bösewichte?
HK:
Ja, das sind sie auch heute noch. Man kann die Zitate von US-Senator John McCain zusammenschneiden, der sagt, Waffen liefern, Waffen liefern, Waffen liefern. Klar muss der da nicht hin, und klar werden Kriege zumindest in den letzten paar hundert Jahren nur von älteren Männern beschlossen, die das selber nicht mitmachen müssen. Sie wurden dann auch sehr enthusiastisch von sehr jungen Männern gekämpft – oder zumindest angefangen und selten enthusiastisch beendet.

Vielleicht ist dann ausgerechnet das Theaterpublikum der falsche Ansprechpartner?
HK:
Wir haben ja nur das Publikum.
LV:
Ich glaube aber auch gerade das richtige. Was wir da in Palästina erlebt haben, war unglaublich magisch, und dann gab es da Situationen, wo wir auf Deutsch gespielt haben, weil wir deren Sprache nicht mächtig sind, und die haben nichts verstanden. Trotzdem gab es irgendeine Übertragung, denn sie sind nachher im Theater geblieben, um mit uns zu reden. Und wir hatten unheimlichen Respekt, denen was über Krieg vorzuspielen. Ich habe mich zum Teil richtig schlecht dabei gefühlt. Aber die haben einen so aufgefangen und waren total begeistert. Da gab es eine Kommunikation nach der Aufführung – das ist uns geblieben.
MP:
Wir hoffen dann, dass es hier so ähnlich ist. Also wir hoffen auf ein Publikum, das sich damit auseinandersetzt. Es geht halt nicht abstrakt um eine Waffenlieferung, sondern darum, wie junge Leute mit so etwas umgehen.

Letzte Frage: Wozu braucht Ägypten zwei neue U-Boote?
HK:
Das beantwortet sich aus dem vorher Gesagten.

„Im Westen nichts Neues“ | Do 26.3.(P), Mo 30.3. 19.30 Uhr | Theater Unten, Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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